Zum Literaturprogramm der Ruhrfestspiele gehört auch ein Abend mit der flämischen Autorin Gaea Schoeters, deren Buch »Trophäe« auch in Kooperation mit den Bühnen Bern im Ruhrfestspielhaus inszeniert wird. Sascha Westphal hat mir ihr gesprochen.
Alles beginnt mit einer wahrhaft ›unerhörten Begebenheit‹. Eines Morgens tauchen wie aus dem Nichts 20.000 Elefanten in Berlin auf. Wie sie dort hingekommen sind, bleibt ein Rätsel, für das sich schon bald niemand mehr interessiert. Entscheidend ist allein, wie es nun weitergeht. Die Elefanten sind ein ›Geschenk‹ des Präsidenten von Botswana, und der lässt keinen Zweifel daran, dass er die Tiere weder zurücknehmen noch akzeptieren wird, dass der deutsche Staat sie einfängt und in Zoos unterbringen wird. Sollten entsprechende Versuche unternommen werden, würde er weitere Tausende Elefanten schicken.
»Das Geschenk«, der zweite Roman von Gaea Schoeters, konfrontiert uns mit einem faszinierenden Gedankenspiel. Was würde passieren, wenn Elefantenherden plötzlich eine Heimat bei uns finden müssten? Wäre ein Zusammenleben der Tiere, die sich frei durchs Land bewegen würden, mit den Menschen möglich? Eine Zeit lang gelingt es Schoeters‘ Protagonisten, dem Bundeskanzler Hans Christian Winkler, und seiner bürgerlichen Koalitionsregierung tatsächlich, so etwas wie ein Gleichgewicht herzustellen, wenn auch ein prekäres. Die Anwesenheit der Elefanten bringt zwar Einschränkungen für die Bürger*innen mit sich. Aber es eröffnet auch neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Doch der Druck vonseiten einer populistischen Rechtsaußen-Partei und einige politische und wirtschaftliche Skandale zerstören dieses Gleichgewicht. Und so triumphiert schließlich ein Pragmatismus, dem es nur um kurzfristige Lösungen geht.
»Es ist möglich, komplett anders zu denken.«
Gaea Schoeters
Vordergründig betrachtet ist der kurze Roman »Das Geschenk« vor allem eine brillante Satire auf den deutschen Politbetrieb, in dem Populisten immer öfter und immer dreister den Ton angeben. Für große Visionen bleibt da kein Platz, aber das liegt nicht nur an den Politikern selbst, die zuerst an ihr eigenes Überleben und an ihren Erfolg denken. Auch die Bürger, die sich mehrheitlich nach Sicherheit und einer Stabilität sehnen, stehen echten Veränderungen im Weg. Dabei wäre ein anderes Denken nicht ausgeschlossen. Davon ist Gaea Schoeters überzeugt: »Das Problem, das wir dieser Tage haben, ist der Glaube, dass das politische und wirtschaftliche Narrativ vom immer größeren Wachstum, das einzige mögliche ist. Wir vergessen, dass jedes Narrativ von Menschen erdacht ist und dass alles, was sich Menschen ausgedacht haben, auch anders gedacht werden kann. Also ist es möglich, komplett anders zu denken. Und wenn man das einsieht, dann kann es anders gehen.«
Die Sehnsucht nach einem anderen Blick auf die Welt durchdringt nicht nur »Das Geschenk«. Auch »Trophäe«, der erste Roman der 1976 im belgischen Sint-Niklaas geborenen Autorin und Journalistin, zeugt von dem Willen, sich selbst ebenso wie die Leser*innen mit Perspektiven und Haltungen zu konfrontieren, die die meisten von uns gar nicht erst an sich heranlassen wollen. In seinem Zentrum steht der unermessliche reiche US-amerikanische Börsenspekulant und Großwildjäger Hunter White, der in einem nicht weiter benannten südwestafrikanischen Staat eine Jagdlizenz für ein Nashorn ersteigert hat. Es ist das einzige Tier unter den »Big Five«, zu denen noch Elefanten, Büffel, Löwen und Leoparden gehören, das White noch nicht geschossen hat. Doch die Jagd nimmt eine ebenso unvorstellbare wie konsequente Wendung. Wilderer kommen dem Großwildjäger zuvor und schlachten das Nashorn ab, bevor er es erlegen kann. Also bietet ihm Van Heeren, der Leiter und Organisator der Jagd, eine andere Beute an, einen jungen indigenen Jäger, mit dem sich White messen kann.
»Wir denken, dass wir den kolonialen Blick und kolonialistische Vorstellungen ängst überwunden haben«, sagt Gaea Schoeters mit Blick auf »Trophäe« und fügt dann hinzu: »Doch die Bilder sind immer noch da.« Und genau das macht sie sich in ihrem Roman zunutze. Wenn man mit Hunter White auf die afrikanische Natur blickt und in seine Gedanken zur Jagd eintaucht, hat man sofort wieder die Bilder aus Filmen wie »Out of Africa« oder »Schnee am Kilimandscharo« vor Augen, denkt an die Texte von Ernest Hemingway und landet schließlich mit Joseph Conrad im »Herz der Finsternis«. So entwickelt die Geschichte dieser Jagd einen unglaublichen Sog, den Schoeters nutzt, um uns einen Spiegel vorzuhalten: »Ich verlocke den Leser dazu, sich so weit in das Denken Hunter Whites hineinzuversetzen, bis er an einem Punkt ankommt, an dem er gar nicht ankommen wollte und schockiert feststellen muss, dass das Blut auch auf unseren Schuhen klebt.«
Um diese bittere Erkenntnis kreist auch Roger Vontobels an den Bühnen Berns herausgekommene Bühnenadaption von »Trophäe«, die an vier Abenden im Rahmen der Ruhrfestspiele gezeigt wird. Vontobel verzichtet gezielt auf klassische Afrika-Bilder. Auf Altmanns abstrakt gehaltener Bühne nähern sich drei Schauspielerinnen, June Ellys Mach, Susanne-Marie Wrage und Patrycia Ziółkowska, der Figur des Großwildjägers auf eine zunächst sehr distanzierte Weise. Wenn sie chorisch oder auch einzeln Passagen aus dem Roman sprechen, schwingt erst einmal eine gewisse Ironie mit. Sie halten Hunter White auf Distanz. Doch je tiefer sie in Schoeters‘ ›Herz der Finsternis‹ eindringen, desto mehr werden sie von Whites Denken erfasst.
»TROPHÄE«
INSZENIERUNG DER RUHRFESTSPIELE MIT DEN BÜHNEN BERN
29., 30., 31. MAI, 1. JUNI, RUHRFESTSPIELHAUS
2. JUNI: GAEA SCHOETERS IM GESPRÄCH MIT DENIS SCHECK
RUHRFESTSPIELHAUS
GAEA SCHOETERS: »DAS GESCHENK«
PAUL ZSLNAY VERLAG, 144 SEITEN, 22 EURO
GAEA SCHOETERS: »TROPHÄE«
PAUL ZSLNAY VERLAG, 256 SEITEN, 24 EURO






