Vor 100 Jahren kam der Regisseur und ehemalige Bochumer Schauspiel-Intendant Peter Zadek zur Welt. Eine Erinnerung an den Erneuerer des deutschen Theaters.
Es waren kurze wilde und heiße Jahre, auf die noch wildere und noch heißere folgen sollten. Als Peter Zadek 1977 das Schauspielhaus Bochum verließ, dessen Intendanz er 1972 übernommen hatte, aber bereits seit 1975 mit einiger Unlust, was Leitungsverpflichtungen betraf, eher als Künstler-Solist weiterführte, vagabundierte er einige Jahre an diversen Bühnen. Um dann 1984 das Deutsche Schauspielhaus Hamburg zu übernehmen. Und dennoch setzen seine Bochumer Jahre mehr als einen Akzent: Sie waren – sie sind es bis heute – ein Monument, auch wenn das Monumentale ihm so gar nicht lag. Zadek war – nun ja, ein Snob und extravagant, aber er passte doch ins Revier. Er hatte Instinkt, Charme, Direktheit und Schnoddrigkeit. Es war seine Natur, er verstellte sich nicht, man nahm ihm ab, was er war und wie er war.
Was war er? Ein »Zaddik«, ein rechtschaffener Mann, wenn man diesen Ehrentitel im Jüdischen von seinem Namen her ableiten will. Seine Eltern, großbürgerlich aus jüdischer Familie in Berlin, wo der Sohn Peter am 19. Mai 1926 geboren wurde, hatten 1933 Nazi-Deutschland verlassen und waren nach London gegangen.
Kenner und Könner im Kosmos Shakespeare
Was war er? Auch Engländer, lässig, cool, ironisch, mit Sinn fürs Entertainment, den schnellen Witz, die Pointe und ohne Respekt vor der dummen Unterscheidung von Kunst in E und U, weil auch vertraut mit der Tradition der Music Halls. Und er war naturgemäß ein Kenner und Könner im Kosmos Shakespeare, dessen Dramen und Komödien er in ihren Höhen und Tiefen ausgelotet hat. Den »Kaufmann von Venedig« allein drei Mal und drei Mal die Figur des Juden Shylock krass umdeutend. In Bochum spielte Hans Mahnke ihn in grimmig böser Verzerrung, um zu zeigen: Mit diesem Außenseiter als dem radikal Anderen müsst ihr klar kommen! Viel später in Wien war Shylock bei Gert Voss ein Lehman Brother neben Anderen auf der Wall Street.
Dann »Hamlet« in Bochum zum Abschied mit Ulrich Wildgruber, Eva Mattes und und und. Oder in Hamburg der wüste schamlose »Othello«, dessen auf weiße Haut schwarz angemalte Nacktheit kürzlich noch einen identitätspolitischen Disput entfachte, weil zum Jubiläum des Schauspielhauses ein Foto dieser Inszenierung von 1976 »ohne Kontextualisierung« auf die Bühne projiziert worden war. Man hätte dazu gern Zadeks Kommentar mit der ihm eigenen näselnden Stimme gehört.
Was wäre nicht alles zu erzählen: vom Bochum Ensemble, zu dem neben den schon Genannten das resolute ‚Lämmchen’ Hannelore Hoger, Brigitte Janner und die flirrende Rosel Zech, Heinrich Giskes, Herman Lause, Jürgen Prochnow und Fritz Schediwy gehörten; von Regisseuren, die er als Gäste holte, darunter die drei schwulen enfants terribles, den steilen, artifiziellen Werner Schroeter, den liebenswert agitierenden Rosa von Praunheim und Fassbinder, der dann schnell abzischte und in Bochum nichts zu Wege brachte (ansonsten aber überreich viel).
Zadek liebte das Kino, drehte selbst Filme (unter anderem die Protest-Pop-Art-Satire »Ich bin ein Elefant, Madame«) und hatte eine »Zauberberg«-Verfilmung geplant, verehrte Max Ophüls und Ingmar Bergman, Marcel Carnés »Kinder des Olymp«, Hitchcocks »Rebecca«, »Vom Winde verweht« und »My fair Lady«. Für seinen vorletzten Film »Die Sehnsucht der Veronika Voss« hat Fassbinder den Freund Zadek für einen Kurzauftritt engagiert: als Regisseur in der Maske von Gustaf Gründgens. Seinen Welterfolg »Die Ehe der Maria Braun« widmete er Peter Zadek. Zwei Regisseure, die vielleicht wie keine sonst Schauspieler liebten, die erkannten, was andere nicht erkannten, die sie enthüllten und zur großen Menschen-Darstellung führten und verführten.
Anreger unseres Theaters
Das Unordentliche des Lebens fand in Zadeks Inszenierungen seinen Ort auf der Bühne. In der Nachfolge von Fritz Kortner und neben dem Kontrapunkt Peter Stein, der die Schaubühne in Berlin begründete, wurde Zadek zum unermüdlichen Anreger unseres Theaters, beginnend im Aufbruch der 60er Jahre. In seiner Spätphase schuf er das Klassische erreichende mit Referenz-Aufführungen von Tschechow, Ibsen und Shakespeare vor allem am Wiener Burgtheater und am Berliner Ensemble (wo er es noch einmal unselig mit einer Co-Intendanz versuchte) und ließ Jutta Hoffmann, Barbara Sukowa, Angela Winkler, Otto Sander, Gert Voss, Uwe Bohm, August Diehl und viele mehr leuchten. Insgesamt 21 seiner Inszenierungen wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen.
Köln, Ulm und Bremen hießen Zadeks Stationen vor Bochum, wo eine Straße in der Nähe der Königsallee seinen Namen trägt. Der Intendant Kurt Hübner hatte 1960 das Talent erkannt und ihn engagiert. Zadeks heroische Jahre begannen recht eigentlich in Bochum. Davon erzählt er in seinen Erinnerungen »My way« und »Die heißen Jahre«, auch wenn sie mehr Selbstfeier sind als Selbstanalyse. Wer einen Egomanen kennenlernen will, wird in den Büchern fündig. Aber im Eitlen erschöpft es sich nicht. Es sind Handbücher zum Theater, zugleich Chronik, Abenteuerroman, Charakterstudie und Porträtsammlung von Weggefährten, Kollegen, Schauspielerinnen und Schauspielern.
Vom damaligen Kulturdezernenten Richard Erny wird der 46-Jährige als Nachfolger Hans Schallas nach Bochum berufen. Eine mutige Tat, vergleichbar mit der von Arno Wüstenhöfer, als der Pina Bausch nach Wuppertal brachte. Das bürgerliche Deutschland war dem Emigranten Zadek fremd und suspekt. Wie würde er reagieren auf das Arbeitermilieu der Kumpel? Wider Erwarten fühlt er sich heimisch. »Der Verderber«, wie Ivan Nagel ihn zärtlich genannt hat, der Putschist gegen Konvention, das Akademische, die behäbige Übereinkunft, die Götzen der Ideologie und eines blutlosen Ästhetizismus findet Widerhall.
»Und jetzt war ich nun plötzlich in Bochum. Und das Komische war, in Bochum war alles anders. Die Mentalität der Bochumer, die ein bisschen wie die Rheinländer waren, diese Offenheit und Direktheit, Liebenswürdigkeit, Friedlichkeit und Begeisterungsfähigkeit, haben mich völlig überrumpelt. Ich hatte plötzlich diese Probleme nicht mehr. Mir wurde irgendwann klar – zum Beispiel, als wir mit dem Fußballclub VFL Bochum zusammen arbeiteten, – daß ich wenigstens zum Teil für ein proletarisches Publikum Theater machte. Und wie selbstverständlich das war und wie wenig Probleme es aufwarf.«
Peter Zadek
Zadek und der Dramaturg Gottfried Greiffenhagen bilden in Bochum das Team und bauen den Spielplan, voll ins Herz treffend mit dem fulminanten Auftakt: Falladas »Kleiner Mann, was nun«, dessen innige Liebesgeschichte und soziale Zeitbetrachtung sie in Form der Revue darbieten. Ein Coup! Im Zadek-Theater wird die Utopie von Freiheit schlicht Alltagspraxis. Sein Gespür für den Sonderfall in seinem unverstellten Menschentum erreicht in Ulrich Wildgruber extremste Gestalt und kühnsten Ausdruck: Hamlet, Othello, Tschechows Kostja, Lövborg in der Bochumer »Hedda Gabler«, deren lupenreine Präzision und Tonart eines Konversationsstücks sich übrigens bei youtube besichtigen lässt.
Zadek suchte unermüdlich nach unerprobten Spielarten, Möglichkeiten, Konstellationen, Synthesen, Schocks. Wählte sich den Maler Johannes Grützke zum Kostümbildner. Griff sich Joshua Sobols »Ghetto« und schuf mit Ulrich Tukur, Michael Degen und Esther Ofarim eine herzblutende Moritat. Ließ im Rock-Musical »Andi« die Band Einstürzende Neubauten lärmen. Machte mit seiner aufrührerischen Wedekind-»Lulu« Susanne Lothar zum einzigartigen Ereignis.
Imperatoren-Habitus, Neugier, Spieltrieb, Verwandlungslust – in jeder dieser Eigenschaften glich er dem Jahrhundert-Genie Pablo Picasso. Ganz zum Schluss erfüllte er sich den lang gehegten Wunsch einer unabhängigen eigenen Produktionsfirma, um mit seiner Künstlerfamilie in einem brandenburgischen Dorf zu arbeiten. Es kam nicht mehr dazu. Peter Zadek, Theaterkönig ohne Land, der im italienischen Lucca mit seiner letzten Lebensgefährtin Elisabeth Plessen viel Zeit verbrachte, starb am 30. Juli 2009 in Hamburg.






