Das Favoriten Festival, eine alle zwei Jahre in Dortmund stattfindende Leistungsschau der freien Theaterszene NRWs, rückt diesmal zugleich die Stadt mit all ihren so unterschiedlichen (Kultur-)Orten in den Blick. Die Entscheidung, möglichst viele Schauplätze für das Festival zu finden, soll einen Dialog zwischen Stadt und Kunst eröffnen, in dessen Verlauf das Publikum neben den 13 eingeladenen Inszenierungen auch Dortmund noch einmal neu entdecken kann. Ein Gespräch mit Rika Sakalak und Jonas Leifert, dem neuen Leitungsteam des Festivals.
kultur.west: Frau Sakalak, Sie haben im Rahmen der Programmauswahl mehr als 300 Produktionen gesichtet. Das klingt nach einer überaus vielfältigen und lebendigen Freien Szene hier in NRW.
RIKA SAKALAK: Das stimmt. Für mich war der Sichtungsprozess wirklich berührend. Wir haben so viele Produktionen gesichtet und mit unserem Beirat einen Eindruck von dem bekommen, was jeden Tag in der Freien Szene in ganz NRW passiert. Wir sind beeindruckt, was die Arbeit unserer Kolleg*innen alles bewirkt und wie viele Menschen dadurch erreicht werden.
JONAS LEIFERT: Die Zusammenarbeit mit unseren vier Kolleg*innen im Programmbeirat war dabei Gold wert. Wir haben gemeinsam eigene Kriterien und Seherfahrungen hinterfragt, um immer wieder neu auf einzelne Stücke zu gucken. Der Prozess war auch überfordernd, weil es einfach so viel Material ist und man die einzelnen Stücke gar nicht miteinander vergleichen kann. Unser Ziel war es, diese Vielfalt innerhalb der kleinen Programmauswahl von 13 Stücken lebendig werden zu lassen.
kultur.west: Die Kultur sieht sich gerade mit Spardiskussionen konfrontiert. Haben die sich schon auf diese Ausgabe der Favoriten ausgewirkt?
LEIFERT: Das Festival hat kurz vor der Finalisierung des Programms eine Erhöhung der Mittel vom Land erhalten, um die Honoraruntergrenze ausgleichen zu können. Das hat es uns ermöglicht, 13 Stücke einzuladen und vier davon auch mit zwei Vorstellungen zu zeigen. Das freut uns total!
SAKALAK: Die Freie Szene befindet sich aktuell (kultur-)politisch in einer instabilen und fragilen Situation. Für die Zukunft brauchen wir Planungssicherheit und Verlässlichkeit. Vor allem die Strukturen, die mehr Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit ermöglichen, müssen vor Kürzungen geschützt werden.
kultur.west: Das Festival findet an sehr unterschiedlichen Orten in Dortmund statt. Warum haben Sie sich gegen einen zentralen Spielort entschieden?
LEIFERT: Wir wollen in die Stadt hinaus und die Freie Szene NRWs nach Dortmund einladen, aber auch vor Ort Neugierde für Theater, Tanz und Performance wecken. Verschiedene Spielstätten helfen uns in der Stadt sichtbar zu sein und unterschiedliche Menschen zu erreichen: Unsere Eröffnung in der Zeche Zollern, Clubs und Musikorte, das selbstverwaltete Sozial-Ökologische Zentrum oder auch das Deutsche Fußballmuseum – hier werden ganz verschiedene, lokale Kontexte sichtbar.
kultur.west: Diese Festivalausgabe steht unter einer Art Motto, »Public Retreats – Rückzug in die Gesellschaft«, und reißt damit große gesellschaftliche Fragen an. Kann das Freie Theater unser Zusammenleben prägen oder gar verändern?
SAKALAK: Ja, auf jeden Fall. Das macht sie schon immer. Die Freie Szene beschäftigt sich mit Fragen, diskursiv und alltäglich. Sie ist eine gute Zuhörerin. Durch (Selbst-)Reflexion und Kontextualisierung der jeweiligen Umgebung entwickeln sich künstlerische Projekte, die unseren Alltag widerspiegeln. Dafür braucht es Sensibilität und Mut, um künstlerisch und kritisch auch die eigene ›Bubble‹ zu betrachten. Jede Produktion, von der Recherche bis zu der letzten Aufführung, ist auch eine Erprobung der Zukunft; ein Vorschlag, wie wir anders leben könnten. In dem Begriff »Public Retreats« verdichten wir genau solche Fragen der Erprobung, von Teilhabe, Solidarität, Sichtbarkeit und Wandel.
kultur.west: Und zum Schluss: Welche Produktion liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?
LEIFERT: Ganz ehrlich: Ich würde gerne selbst bei »Hurra, Romeo und Julia!« mitspielen. Die Gruppe i can be your translator hat ganz eigene künstlerische Zugänge und Formen inklusiver Zusammenarbeit entwickelt. Das macht aber auch beim Zugucken schon großen Spaß.
SAKALAK: Die Produktion »We who do not belong« beeindruckt mich noch immer. SoKo Jena thematisiert musikalisch und choreographisch in seinem Solo die unsicheren Fluchtwege übers Mittelmeer. Eine Arbeit, die uns alle zutiefst gerührt und gleichzeitig Hoffnung gegeben hat.

Jonas Leifert ist Kurator, Künstler und Kulturmanager. Im Ruhrgebiet arbeitet er an der Schnittstelle von Kunstproduktion, Kulturpolitik und Freier Szene. Stationen waren unter anderem PACT Zollverein, der Regionalverband Ruhr und Fidena.
Rika Sakalak ist Dramaturgin und Kuratorin. Sie arbeitet mit Künstler*innen, Kollektiven und Festivals und entwickelt Programme mit einem machtkritischen, diversitätssensiblen Blick. Stationen waren unter anderem der Ringlokschuppen Ruhr, Impulse und West Off.
FAVORITEN FESTIVAL
BIS 11. OKTOBER
VERSCHIEDENE SPIELSTÄTTEN IN DORTMUND






