»Unheimliche Verschiebungen« heißt die neue Ausstellung von Urbane Künste Ruhr (UKR). Zur Ruhrtriennale und parallel zur Manifesta werden dazu Ende August Künstler*innen mit ihren Arbeiten rund um den Dortmunder Hauptbahnhof Stellung beziehen. Aber warum schickt sie Kunst genau dorthin? Ein Gespräch mit Britta Peters, Kuratorin und künstlerische Leiterin von UKR.
kultur.west: Frau Peters, für Ihren Beitrag zur Ruhrtriennale haben Sie diesmal einen Schauplatz gewählt, der sich nicht unbedingt als Kunstort aufdrängt. Warum ziehen die Urbanen Künste Ruhr ausgerechnet in die Dortmunder Bahnhofsgegend?
BRITTA PETERS: Ich finde, der Bahnhof selbst ist schon ein sehr faszinierender Ort. Wahnsinnig eng – da steigen täglich rund 130.000 Menschen um. Ein pulsierender Ort des Transits, der natürlich auch von einem internationalen Publikum gut zu erreichen ist. Hinzu kommt, dass mit der Manifesta ja bereits ein großes Kunstereignis in Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg und Essen stattfindet. Wir bringen dann mit Dortmund die größte Stadt im Ruhrgebiet mit auf den Plan. Das Troubadour-Projekt von Ari Benjamin Meyers, eine Art musikalische Berichterstattung, verbindet alles und wird von uns gemeinsam mit der Manifesta produziert.
kultur.west: Werden auch Arbeiten im Bahnhof selbst zu sehen sein?
PETERS: Geplant ist, dass Aleksandra Domanović dort eine Tafel installiert, deren Ästhetik sich an die Displays im Bahnhof oder am Flughafen anlehnt. Ablesbar sind dort aber nicht die Ankunft- und Abfahrtzeiten, sondern die Temperaturen in 200 Großstädten weltweit. Wobei die wärmste Stadt immer oben steht und die Rangfolge ständig aktualisiert wird. Die übrigen 13 Positionen werden in der unmittelbaren Umgebung zu erleben sein.
kultur.west: »Unheimliche Verschiebungen«, so lautet der Titel des dezentralen Projekts. Bei Aleksandra Domanović wird das Thema gut greifbar – hier lassen sich die »Unheimlichen Verschiebungen« mit dem Klimawandel in Verbindung bringen.
PETERS: Für mich eine brisante »Verschiebung«, auch weil ich den Eindruck habe, dass sich die Situation mit Blick auf die Ignoranz in Klimafragen in den letzten Jahren verschärft hat. Die wissenschaftlichen Fakten lassen keine Zweifel, trotzdem scheint eine Relativierung des Problems salonfähig geworden. Ich sehe da einen enormen Backlash. Aber es betrifft nicht nur das Klima – auch sonst gewinnt das Postfaktische an Gewicht.
kultur.west: Worauf könnten sich die »Unheimlichen Verschiebungen« noch beziehen?
PETERS: Dieser Begriff öffnet natürlich viele Ebenen, von Sigmund Freud über die Anti-Aufklärung bis hin zum Erstarken faschistischer Tendenzen und technoautokratischer Machtstrukturen. Es geht der Kuratorin Alisha Raissa Danscher und mir aber in unseren Ausstellungen nie darum, dass ein Thema eins zu eins abgebildet wird. Die Künstler*innen bleiben bei ihren eigenen Fragestellungen und sind erstmal ganz frei.
kultur.west: Was war Ihnen bei der Auswahl der Teilnehmenden wichtig?
PETERS: Die Künstler*innen, die aus meiner Sicht interessant sind, haben immer auch sehr stark eine politische Lesbarkeit in ihren Arbeiten. Sie reagieren auf unsere Zeit, auf unsere Gegenwart. Und sie haben den Schauplatz im Blick – fast alle Arbeiten der Dortmunder Ausstellung entstehen eigens für diesen Anlass und auf die jeweiligen Orte bezogen. Einige haben sich auch aus den Recherchen während unseres Residenz-Programmes 2025 entwickelt.
kultur.west: Welche Orte haben Sie für das Projekt noch ausgeguckt?
PETERS: Insgesamt sind es neun, wichtig darunter ist die bahnhofsnahe Evangelische Stadtkirche Sankt Petri, wo vier Positionen einziehen werden. Anushka Chkheidze etwa entwickelt dort eine Komposition für die Wahnsinns-Orgel.
kultur.west: Auch die Manifesta hat sich Kirchen als Schauplätze gesucht, gibt es da eine Verbindung?
PETERS: Bei der Manifesta sind es eher modernistische Kirchen, die nicht mehr als Gotteshäuser gebraucht werden. Die Stadtkirche Sankt Petri stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist weiterhin in Funktion. Allerdings als offene Kirche, ohne feste Gemeinde. Die Bänke wurden ausgeräumt und der Raum für alle möglichen Menschen und Gemeinschaften geöffnet, trotzdem finden weiter Gottesdienste statt. Ein sehr interessantes Konzept, wie ich finde, denn es zeigt, wie sich Kirche von innen verändern kann. Wie sie für alle verschiedene Funktionen erfüllen kann, als Cool-Spot zum Abkühlen, als Veranstaltungsort, als Treffpunkt.
kultur.west: Wo geht der Rundgang weiter?
PETERS: Im Brückstraßenviertel bespielen wir ein großes leerstehendes Ladenlokal, wo unter anderem Silke Schönfeld ihren neuen Film zeigen wird. Da geht es um die »Verschiebungen«, die zum Abstieg des einst hippen Altstadtquartiers geführt haben – Immobilienspekulation und Korruption spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein weiterer zentraler Schauplatz ist das Dietrich-Keuning-Haus, das wahrscheinlich größte soziokulturelle Zentrum in NRW. Erbaut 1982 mit Schwimmbad, Eislaufbahn, Restaurant, Veranstaltungssälen, gehört es zu den großen Würfen seiner Zeit und ist bis heute ein lebendiger Ort. Vor allem für Menschen mit Migrationserfahrungen bedeutsam.
kultur.west: Es wird also auch so etwas wie ein Stadtspaziergang sein?
PETERS: Ja, es sind ganz unterschiedliche Architekturen, unterschiedliche Räumlichkeiten, aus verschiedenen Jahrhunderten. Was sind das für Orte, wer nutzt sie? Wenn man sich das fragt, wird die Ausstellung auch zu einer Reflexion über die Stadtentwicklung der letzten rund 50 Jahre rund um den Dortmunder Hauptbahnhof.

Zur Person
Britta Peters (Jahrgang 1967) ist Kulturwissenschaftlerin und seit 2018 Künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr. 2017 war sie Kuratorin der Skulptur Projekte Münster. Im Oktober 2027 läuft ihr Vertrag regulär nach zehn Jahren bei Urbane Künste Ruhr aus, die Stelle ist zurzeit ausgeschrieben.
»UNHEIMLICHE VERSCHIEBUNGEN«
22. AUGUST BIS 4. OKTOBER
AN NEUN ORTEN RUND UM DEN DORTMUNDER HAUPTBAHNHOF






