Lucile Hadžihalilovićs Film »Herz aus Eis« ist eine düstere Hommage an Hans Christian Andersens Märchen »Die Schneekönigin«.
Märchenstoff, das bedeutet: Abenteuer, Prüfung, Gefahr und Errettung, wobei letztere auch ausbleiben kann. Es war einmal, und es wurde nicht gut – wie häufig in den traurigen Märchen von Hans Christian Andersen und Oscar Wilde.
Märchenstoff, aber in die Wirklichkeit versetzt, zumindest in eine Zwischenwelt. Vom Gebirge der Alpen in ihrer ewigen Todesdrohung für den Menschen geht es für Jeanne hinab in die Stadt. Die 16-Jährige (Clara Pacini) lebt in einem abgelegenen Kinderheim, aus dem sie sich davonmacht. Als Anhalterin kommt sie an das Ziel ihrer Träume, buchstäblich: die Weihnachts-Eisbahn, die sie mit Musik und fröhlichem Juchzen der Laufenden empfängt. In deren Untergeschossen verbringt sie die Nacht, sucht sich ein Versteck, findet einen Pass auf den Namen Bianca, den sie sich aneignet, und wandert, als die Sportstätte und Kulissenwelt leer ist, durch die Räume.
Erotische Projektion und Psychodrama
Jeanne stöbert durch die Kostüme für Dreharbeiten, die in dem Eisbahn-Areal stattfinden, und nimmt einen Kristall an sich, der vom Kleid der kapriziösen Hauptdarstellerin Cristina van den Berg (Marion Cotillard) stammt, die sich nur durch Injektionen auf den Beinen hält. Jeanne schmuggelt sich unter die Statistinnen für das Projekt.
Der Film von Lucile Hadžihalilović oszilliert zwischen Fantasy, Coming-of-Age-Geschichte, erotischer Projektion und Psychodrama. Er verarbeitet und verwandelt das Motiv von Andersens »Schneekönigin« in ihrer Lebens- und Liebeskälte und füllt die Lücke, die zwischen der Wirklichkeit und dem Irrealen klafft, während der Filmprojektor surrt.
Die Schneekönigin ist hier eine raffiniert eingesetzte Metapher, die sich auf das Kino selbst und seine (weiblichen) Idole anwenden lässt: Sterne aus fernen Galaxien, die ins Licht treten, Glanz verströmen, obsessiv verehrt werden und aus der Distanz Emotionen verkörpern, die niemals die Grenze von der Leinwand herab überwinden müssen und dürfen. Zuhause nur in eisigen Gefilden. Jeanne jedoch scheint in den Palast der Illusionen – das Königreich des Kinos und der Schneekönigin – wundersam eindringen zu können. Aber es ist nur ein täuschend echtes Modell des Set-Designs, ist nur eine von der Kamera aufgenommene Spielszene. Ist es das?
Zunehmend wird Jeanne in den Bannkreis von Cristina und ihrem ärztlichen Freund Max (August Diehl) gezogen, erhält ein Zimmer im angeblich selben Hotel wie die geheimnisvolle Schauspielerin, träumt sich ins Niemandsland, in die Todeszone, in die Eiswüste beunruhigender Bilder, verliert Kontrolle über ihre Wahrnehmung und scheint sich als Wiedergängerin Cristinas zu spiegeln. Ist sie womöglich »Das ängstliche Mädchen«, das als nächstes Filmvorhaben und Thriller à la Hitchcock schon in Planung der Crew sein soll? Der Kuss zwischen beiden Frauen besiegelt nicht den Fluch einer Leidenschaft, sondern befreit Jeanne und lässt sie – erwachen. ****
»Herz aus Eis«, Regie: Lucile Hadžihalilović, D/F 2025, 117 Min., Start: 18. Dezember






