Wir wollen nicht vom Kino ablenken, sondern zum Kino hinlenken, zu dem, was es war, ist und wieder sein wird. Zum bereits 50. Mal stellen wir einen Klassiker des deutschen und internationalen Films vor, der nicht unbedingt zum Kanon gehört, aber eine Rarität und Kostbarkeit ist. Bei einem der vielen Anbieter lassen sie sich ausleihen, als DVD kaufen, zur Not bei youtube besichtigen. Nur Netflix-Serien zu schauen, verengt den Blick, wir möchten ihn weiten, um demnächst auf der Kino-Leinwand besser zu sehen. Das Jubiläum ist einen Film wert, der aus dem halben Hundert noch besonders herausragt: »Persona« von Ingmar Bergman.
»Wo ein Spiegel ist, da ist ein menschliches Stadium, du willst dich sehen.« So schreibt Umberto Eco. Für den Dichter Joseph Brodsky ist der Spiegel »jener Notausgang nach Drüben« und öffnet damit den Weg über die Grenze zum Reich des Todes, wie es auch etwa Jean Cocteau in seinem »Orphée« zeigt. Wen oder was sehen wir, wenn wir in den Spiegel blicken: uns selbst oder ein anderes Ich. Unseren Doppelgänger. Das Schrecknis eines Fremden. Das wäre eine Art Jekyll & Hyde-Effekt.
In Ingmar Bergmans Film »Persona«, der erheblichen Einfluss auf die Filmkunst hatte und Teil ihres Referenzsystems wurde, begegnet die Spiegelmetaphorik uns mehrfach. Das auch noch nach sechs Jahrzehnten – der Film entstand 1966 – ungeheuer Moderne und experimentell Wagemutige dieses Psychodramas, dessen erste Sequenz das Unbewusste innerer Bilder wie im Schnelldurchlauf durchmustert, macht jedes Mal sprachlos. Zeit und Raum und die Differenz von Irrealis und Wirklichkeit sind vollkommen aufgehoben.
Im Spiegelstadium
Ein kleiner Junge, womöglich Sohn der Schauspielerin Elisabet Vogler, sieht das Bild der abwesenden Mutter auf einer Leinwand und berührt das Bildnis des Gesichts, das wie ein Idol oder Phantom erscheint. Für Sigmund Freud beginnt im Spiegelstadium das Kind nicht nur sich selbst, sondern auch das Gegenüber wahrzunehmen. Vor allem ist es der Blick der Mutter, durch den das Kind diese Außenperspektive auf das eigene Selbst erfährt. Und eine der grundlegenden Fragen seiner weiteren Existenz: Wie sehen mich die anderen?
Elisabet (Liv Ullmann) ist in einer Krise und in sich selbst befangen. Sie spricht nicht mehr, seit ein Bühnenauftritt als Elektra sie außer Fassung und zur Einsicht gebracht hat, sich nicht mehr verstellen zu wollen. Auf Rat der Ärzte, doch ohne klinischen Befund soll sie mit einer Betreuerin, Alma (Bibi Andersson), zur Erholung in ein Sommerhaus am Meer reisen, um dort von der Krankenschwester umsorgt zu werden und zur Ruhe zu finden.
Zwischen den äußerlich einander immer ähnlicher werdenden Frauen ereignet sich ein sublimes Spiel von Anziehung, Abwehr und Abstoßung, von Verrat und Vertraulichkeit, Maske und Wesen. Alma teilt sich rückhaltlos mit. Elisabet saugt sie analytisch-vampiristisch aus und wendet das, was sie erfährt, gegen sie. Nicht erst als Alma einen Brief Elisabets liest, in dem sie von ihr bloßgestellt und abgewertet wird, beginnt ihr Zweikampf. Dass die Frauen einander gleichen, macht ihn umso bedrohlicher. In einer Einstellung überblenden beim Blick in die Kamera ihre Gesichter zu einem Spiegelbild: Identifikation, Aneignung, Auslöschung – alles ist darin enthalten. Die bohrende Seelenerkundung wird aufgebrochen durch zeitgeschichtlich-dokumentarische Schreckensbilder, die die Welt brüsk in die Isolation der Frauen hineinholt.
Margarethe von Trotta, die eine Dokumentation über Bergman und ihr Bergman-Erlebnis gedreht hat, zitiert diese Einstellung in ihrem in dieser Reihe ebenfalls vorgestellten Film »Die bleierne Zeit« mit dem Doppelporträt der Schwestern Marianne und Jule in einer sie voneinander trennenden Glaswand. Das Kino ist immer auch ein großes unendliches Gespräch zwischen seinen Heroen und Heroinnen, Göttern und Sterblichen.
Bergmans Filme sind Leichenschauhaus, Zwinger des Sexuellen, Kampfplatz des Glaubens und Festsaal des Lebens. Womöglich ist ihr Schöpfer nicht nur der größte Filmregisseur überhaupt, der in Cannes 1997 die »Palme der Palmen« als einzigartige Auszeichnung bekam, sondern ebenso der größte Bescheidwisser über das Wesen Mensch seit Freud. Ein Träumer und ein Traumdeuter: »Wenn der Film nicht Dokument ist, ist er Traum«, so schrieb der 1918 in Uppsala geborene Pastorensohn und europäische Jahrhundertkünstler in seiner Autobiografie »Laterna Magica«.





