Sein Gemälde »Der Ursprung der Welt«, die Detailansicht einer behaarten Vulva, ist eines der berühmtesten Skandalbilder der Kunstgeschichte. Dass Gustave Courbet die Provokation nicht scheute und dennoch kein Provokateur war, beweist das Essener Museum Folkwang mit einer großen Werkübersicht.
An Selbstbewusstsein mangelte es Gustave Courbet nicht – weniger gut ausgebildet hingegen war seine Fähigkeit zu plausiblen Schlussfolgerungen. Darauf deutet zumindest ein Zitat des Franzosen (1819-1877). »Es ist ganz klar, dass ich der größte Maler bin, weil ich es bin, den man am meisten attackiert«, soll er gesagt haben. Folgt man dieser Logik, wären Leonardo oder Raffael, deren Kunst in der Renaissance allseits begeisterte Zustimmung hervorrief, Maler von minderem Kaliber.
In der Tat war Courbet das Enfant terrible der französischen Kunstszene des 19. Jahrhunderts. Dass er sich von der idealisierenden Historienmalerei abkehrte und im Realismus das ihm angemessene Medium fand, wurde ihm ebenso verübelt wie die Verletzung der Moral und gesellschaftlicher Tabus. Die Kritik gipfelte in Schmähungen gegen sein 1866 entstandenes Gemälde »Der Ursprung der Welt«: Die naturgetreue Darstellung einer Vulva geriet unter Pornografie-Verdacht.
Grenzgänger zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik
Jetzt ist das vormalige Skandalbild aus dem Pariser Musée d’Orsay Blickfang einer großen Courbet-Retrospektive im Essener Museum Folkwang. In rund 90 Werken tritt uns Gustave Courbet als Grenzgänger zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik entgegen. Alltagsszenen, Porträts, Aktdarstellungen und Landschaften, diesen vier Bereichen entstammen die Leitmotive seiner Malerei.
Bemerkenswert schon das Frühwerk, etwa das Bild »Der vor Angst Wahnsinnige« von 1844. Der Künstler, am Rand einer Klippe beziehungsweise eines nur mit wenigen groben Pinselstrichen angedeuteten Abgrunds kniend, fasst sich bestürzt an den Kopf. Mit dem ausgestreckten rechten Arm, der auf den Betrachter weist, ringt er um Balance. Aus dem Selbstbildnis sprechen Unsicherheit, Angst und Panik. Aber wovor? Darauf gibt das Gemälde keinen Fingerzeig. Eben deshalb wirkt es so beunruhigend.
Die im Museum Folkwang versammelten Porträts verdeutlichen, wie breitgespannt sein Netzwerk war. Es reichte von der Bohème über bürgerliche Kreise bis hin zum Arbeiter. Faszinierend vor allem seine Frauenbildnisse, weil er sich hier nicht mit weiblichen Abziehbildern begnügt, sondern Charakter und Ausstrahlung der individuellen Persönlichkeit auf die Leinwand zu bannen versucht. Besonders brillant glückte ihm das 1866 im Bild »Jo, die schöne Irin«. Die Künstlerin Joanna Hiffernan übte auf Courbet eine derartige Sogwirkung aus, dass er sie gleich viermal porträtierte. Die Version aus dem Nationalmuseum in Stockholm ist nun Teil der Folkwang-Ausstellung.
Weil Courbets Hang zum Affront und seine freizügigen Aktbilder das Gros der Aufmerksamkeit auf sich zogen, geriet seine Landschaftsmalerei ins Hintertreffen. Die Folkwang-Ausstellung lädt dazu ein, diesen Bereich des Œuvres zu entdecken: Darstellungen von Felsformationen, Wasserläufen und Grotten versetzen den Betrachter in die Franche-Comté, seine ostfranzösische Heimat. Auf Reisen an die Küsten der Normandie entdeckte er das Meer als zentrale Bühne für seine Malerei.
Wegen seines politischen Engagements in der Pariser Kommune musste der Künstler 1873 ins Schweizer Exil gehen. Im Alterswerk, das bis zu seinem Tod im Jahr 1877 am Genfersee entstand, ist von der einstigen trotzigen Wucht nichts mehr zu spüren – das in der Ausstellung präsentierte Bild »Lac Léman, soleil couchant« (1876) zeigt einen Sonnenuntergang am See, liest sich aber wie ein Abgesang auf Courbets Leben.
»ICH, GUSTAVE COURBET. MALER UND REBELL«
MUSEUM FOLKWANG, ESSEN
17. JULI BIS 8. NOVEMBER
DER KATALOG IST IM VERLAG DER BUCHHANDLUNG
WALTHER KÖNIG ERSCHIENEN.






