Das Tanzmuseum in Köln widmet Raimund Hoghe zu seinem fünften Todestag eine Ausstellung: »INSCRIT« ist ein sorgsam, fein und zärtlich eingerichteter Parcours zu seinem choreografischen Schaffen.
Sprache ist Atem, Rhythmus, Melodie, Struktur und, ja, auch Sinn und Bedeutung. Damit nähert sich Sprache dem Tanz – und umgekehrt. Raimund Hoghe, der choreografische Künstler, kam vom Wort. Seinen anfangs feuilletonistischen Texten wohnte bereits poetisch-musikalischer Zauber inne. Und den Personen, die er porträtierte, jeweils Eigenart, Besonderheit und Sonderlichkeit, Abstand vom Alltäglichen, Gewöhnlichen, Normierten. Sonderfälle des Lebens, wie er selbst, nicht bloß aufgrund seiner körperlichen Verwachsung.
Hoghe, 1949 in Wuppertal geboren, in Düsseldorf gestorben und in Europa gefeiert, war eine Dekade lang Dramaturg bei Pina Bausch. Beide verband miteinander ihr genauer und liebevoller Blick auf den Menschen und die Gewissheit, dass es die Emotion ist, die uns bewegt. Er wurde dann selbst zum Choreografen, der das gestische Vokabular beherrscht, und schließlich auch zum Interpreten auf seiner eigenen Tanztheaterbühne. Ein autonomer und konsequenter Weg von Autorschaft. Er endete im Mai 2021 mit seinem Tod.
Geometrie der Bewegungen
Das Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln widmet Hoghe zum fünften Todestag die Ausstellung »INSCRIT«: nicht sehr groß, dafür sorgsam, leise und reduziert, fein und zärtlich eingerichtet. Damit also ihm und seiner Arbeit angemessen. An einer Stelle des Hauptraums befindet sich ein offenes Dreieck am Boden, umstellt von neun Kerzen in Ständern – ein Memorial.
Texttafeln begleiten die Fotografien zu einem Dutzend und mehr Aufführungen Hoghes aus 25 Jahren, auf denen Sätze der Lyrikerin Rose Ausländer stehen: Auch sie, die Jüdin aus der Bukowina, die nach erzwungen weiter Lebensreise ebenfalls in Düsseldorf bis zu ihrem Tod beheimatet war, ist eine der von Hoghe Porträtierten gewesen. »Das Wort, das eine Welt erschafft« lautet hier eines ihrer Zitate oder auch »das Doppelgesicht aus Stoff und Geist«. Auf dem Boden ‚eingeschrieben’ oder aber in einer Kreisbewegung auf Scheiben zu Wortbändern gesetzt sind Äußerungen und Notate Hoghes, die seiner lebendigen Erinnerung entspringen und sich verwandelten in die Geometrie der Bewegungen und in den Stillstand seiner minimalistischen, ästhetisch puren Choreografien und Konzentrationsübungen.
Hoghes Werk dokumentiert, dass und wie Wort, Klang, gesungenes Wort und Körper, Intellekt und Physis zur Synthese kommen. So wie es die écriture der Kamera gibt, die einen Film ‚schreibt’, lässt sich auch von der écriture des Körpers sprechen, der den Raum der Bühne betritt, bewohnt, belebt: der Chiffren, Geschichtszeichen, biografische Lettern setzt. Für das Nachkriegskind Raimund blieb die Wunde Deutschland offen und blieben Italien und Frankreich die Wunsch- und Gegenorte; für den durch seine Rückgratverkrümmung mit einem Buckel Belasteten war die Schönheit (der Kunst und der Künstlerinnen und Künstler) ein Sehnsuchts-Ideal; für den Empfindsamen war stumpfe Fühllosigkeit, zu der auch Geschichtsvergessenheit gehört, ein Schrecknis und eine Aufgabe sich zu widersetzen und dem Klang des Sprungs in den Herzen nachzulauschen.
Kontraste, Korrespondenzen und Spannungsverhältnisse bestimmten Hoghes sensibles Betrachten und dessen Ausformulieren in den Bühnenstücken, Soli, Filmen und installativen Einrichtungen: zwischen Innen und Außen, Ich und den Anderen, Zimmer und Welt, zwischen Nähe und Distanz, Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Traum, Schönheit, Makel und Beschädigung.
Für Hoghe gehörten Ich-Verhältnis und Weltbezug zusammen. In dem Kabinett, in den der Ausstellungsparcours mündet, in dem ein Stuhl steht und zwei Sitzlissen liegen, läuft an der rückseitigen Wand ein Video, auf dem das Mittelmeer seine Wellen auf einem Strand brechen lässt. Auf dem Boden sind Zeilen des Briefs abgedruckt von zwei jungen Afrikanern aus Guinea, die bei ihrem Versuch nach Europa zu gelangen als Blinde Passagiere eines Flugzeuges ums Leben kamen. Höflich flehen sie Europas Repräsentanten und Institutionen um Hilfe an: »Auch wollen wir studieren, und wir bitten Sie, uns hierzu zu verhelfen, damit wir in Afrika so wie Sie werden.« So wie wir werden – der Wunsch und die Aufforderung, die darin liegen, muss in uns Bitterkeit und Scham auslösen. Eine Scham, die Raimund Hoghe erkannt hat, weil er sie kennt. Den Brief hat er genutzt und Teil werden lassen seiner 2017 geschaffenen Choreografie »Lettere amorose«.
»INSCRIT | SCHREIBEN MIT DEM KÖRPER –
EINE AUSSTELLUNG FÜR RAIMUND HOGHE»
TANZMUSEUM DES DEUTSCHEN TANZARCHIVS KÖLN
BIS 28. FEBRUAR 2027




