Das Düsseldorfer Ballett am Rhein zelebriert in dem neuen Programm »OrgelPassion« zwei Uraufführungen und einen Klassiker.
Der Mann in Grau liegt am Boden. Eine Gruppe in Feierstimmung, farbenfroh gekleidet, betrachtet ihn wie ein seltsames Insekt. Nur eine Frau nähert sich zaghaft zwischen Neugier und Besorgnis. Doch die anderen halten sie zurück. Dass an diesem Ort einiges schiefläuft, deutet schon die surreale Häuserflucht an. Der Name der Stadt, »Omelas«, gibt dem Ballett der jungen belgischen Tanzschöpferin Stina Quagebeur den Titel. Das Eröffnungsstück des neuen Dreiteilers »OrgelPassion« des Ballett am Rhein feierte Uraufführung in der Oper Düsseldorf.
In dem Tanzstück auf Spitze zu einer Auftragskomposition von Jeremy Birchall ist die Orgel nicht barockes Soloinstrument, sondern Partner des Orchesters. Sie kreiert mit ihrer Gravität eine geheimnisvolle Atmosphäre, die Anspannung spiegelt. João Miranda macht den Schmerz der isolierten Kaspar-Hauser-Figur namens Figur A bewegend in Ausdruck und Tanz sichtbar. Das Ballett basiert auf der Erzählung »The Ones Who Walk Away from Omelas“ von Ursula K. Le Guin. Die Geschichte, in der das gute Leben einer Gemeinschaft auf dem Leid einer einzelnen Person beruht, versteht die Choreografin als Parabel für gesellschaftliche und globale Ungerechtigkeit. Ein gutes Thema, mit innovativer Handschrift bestechend deutlich und zeitlos umgesetzt. Nur: Dramaturgisch ist das Stück schwierig, denn mit der ersten Szene ist es eigentlich erzählt.
Flirrende Transzendenz
Meisterschaft durchströmt jede Sequenz von »Voluntaries« (1973) des revolutionären Choreografen Glen Tetley. Er verband schon damals Techniken des klassischen Balletts und des Modern Dance – das Werk war ein Meilenstein. Es entstand für das Stuttgarter Ballett als Hommage an den kurz zuvor auf dem Rückflug von einer Tournee verstorbenen John Cranko. Vor einer Sonnen-Projektion von wechselnden Farben zieht das brillante Ensemble in silbernen Ganzkörpertrikots vorbei. Die Trauer zu dramatischen Orgeltönen aus Francis Poulencs »Konzert für Orgel, Pauken und Streichorchester« weicht allmählich Leichtigkeit und flirrender Transzendenz. Die gesunkenen Köpfe heben sich, hochvirtuoser, reiner Tanz mit elegantem Partnering zieht vorbei wie ein Fluss des Lebens.
Ein blendender Hingucker ist Goyo Monteros Neuproduktion »Aurea«: Goldene Lichtstrahlen und Reflexe von Spiegelflächen dramatisieren das rasante Geschehen: Figuren wie Avatare oder Aliens in grünlich-gold changierenden, feucht glänzenden Trikots wie Reptilienhaut leisten tänzerische Schwerstarbeit. Ein Stück, das Zeug hätte zum Meisterwerk, wäre die Kunstanstrengung nicht derart spürbar. Sein Bemühen, das Harmonieprinzip des »Goldenen Schnitts« in jeder künstlerischen Hinsicht anzuwenden, wirkt verkrampft – trotz Bachs »Passacaglia« in Orchesterversion. Schade, denn die geometrischen Formationen, die aus Körpern und Gestellen auf Rollen entstehen und wie Dominosteine zusammenfallen, sind faszinierend. Fazit: ein sehenswerter Abend!
NÄCHSTE TERMINE: 2., 5., 23., 25. APRIL
DEUTSCHE OPER AM RHEIN, DÜSSELDORF






