Christopher Rüping erarbeitet für die Ruhrtriennale die Uraufführung »Deutscher Herbst«. Im Interview erklärt der Regisseur, dass damit viele deutsche Herbste gemeint sind – auch der erste nach dem Krieg.
kultur.west: Der Begriff »Deutsche Herbst« ist in Deutschland stark mit dem Jahr 1977 verbunden. Der Titel ihres Stücks bezieht sich aber auf das gleichnamige Buch, für das der schwedische Journalist Stig Dagerman 1946 durch Deutschland reiste. Wie kamen Sie darauf?
CHRISTOPHER RÜPING: Ich bin durch Zufall auf das Buch gestoßen. Es ist ein schönes Buch – also optisch. Der Autor selber war mir kein Begriff, in Schweden aber ist Dagerman ein Star, »Deutscher Herbst« ist dort Schullektüre wie bei uns Brecht oder Böll. Seine Schaffensphase war nur vier oder fünf Jahre lang, er hat sein Leben früh selbst beendet. Diese Phase aber hat gereicht für mehrere Theaterstücke, Romane, Kurzgeschichten und eben für »Deutscher Herbst« – einen Bericht von seinen Reisen durch Deutschland im Herbst 1946, den er im Auftrag einer schwedischen Tageszeitung verfasst hat. Ich finde das einen unglaublichen Text, er ist mir richtig in die Knochen gefahren und sitzt da seitdem. Dagerman hatte eine besondere Gabe für das Schreiben und das Schauen. »Deutscher Herbst« hält sich nicht an journalistische Regeln, aber er wirft einen sehr genauen Blick auf die Welt vor 80 Jahren. Dagerman fragt: Sind die Deutschen von sich aus Nazis – oder sind sie Opfer eines faschistischen Regimes? Angesichts der Umfragewerte, die es hierzulande gerade gibt, darf man diese Frage 80 Jahre später wohl wieder stellen.
kultur.west: Bildet sein Text die Basis für Ihre Inszenierung?
CHRISTOPHER RÜPING: »Deutscher Herbst« ist ein wichtiger Text für mich und für den Abend von zentraler Bedeutung. Aber die Inszenierung, die mir vorschwebt, ist keine Adaption von Dagermans Roman – und keine Geschichtsstunde. Mir geht es um die Gegenwart, immer. Der Herbst 2026, in dem das Ensemble die Bühne der Jahrhunderthalle betritt, bildet das Zentrum unseres Abends. Von hier aus schauen wir auf Stig Dagermans Herbsterzählung, aber auch auf Caspar David Friedrich, den großen Herbstmaler. Der Episodenfilm »Deutschland im Herbst«, der sich mit dem von Ihnen erwähnten Deutschen Herbst 1977 und der RAF auseinandersetzt, könnte eine Rolle spielen. Vielleicht müsste man also besser im Plural sprechen: »Deutsche Herbste«.
kultur.west: Um nochmal kurz bei dem in Deutschland relativ unbekannten Stig Dagerman zu bleiben. Zu welchem Schluss kommt man nach seiner Lektüre: Ist der Hang zum Faschismus in den Deutschen angelegt?
CHRISTOPHER RÜPING: Dagerman findet: Jemandem, der seine Tage im lichtlosen Keller eines zerbombten Wohnhauses verbringt, knietief im kalten Wasser steht, hart erkämpfte schrumpelige Kartoffeln in Brackwasser zu kochen versucht, während die Kinder rasselnd husten – dem kann man nicht vorwerfen, dass er sagt: »Früher war’s besser«. Dagerman ist ein sensibler Beobachter, schaut mit offenen Augen und mit offenem Herzen auf die Menschen, denen er begegnet – auf unsere Eltern und Großeltern. Sie selber sind heute verstummt und können nicht mehr erzählen von jener Zeit. Es gibt wenige Dokumente, die sie einem so nah bringen wie Dagermans Aufzeichnungen: die Not, unter der sie litten; die Schuld, die sie fühlten; die innere Rebellion gegen diese Schuld. Mein Vater wurde 1942 geboren – seine ersten Lebensjahre verbrachte er in der Welt, die Dagerman bereist. Diese Jahre haben ihn geprägt, auch seine Beziehung zu mir und dadurch mich. Ich habe nie mit meinem Vater darüber gesprochen. Mein Fehler, nicht seiner. Dagermans Text füllt eine Lücke für mich, sein Außenblick lässt mich ein Gefühl für diese Zeit bekommen.
kultur.west: Welche Rolle spielt der Herbst als Motiv?
CHRISTOPHER RÜPING: Ganz konkret ist es Herbst, während Stig Dagerman durch das Ruhrgebiet, Hamburg und Berlin reist. Gleichzeitig ist der Herbst auch irgendwie die deutscheste aller Jahreszeiten. Ständig wird er besungen in der deutschen Lyrik: der Wald verändert seine Farbe, die Blätter fallen, die kalte Jahreszeit steht vor der Tür, Romantik, Melancholie. Ist doch interessant, dass es in der deutschen Kulturgeschichte verschiedenste »Deutsche Herbste« gibt, aber keinen einzigen »Deutschen Frühling«. Was sagt das über unser kulturelles Selbstverständnis aus?
kultur.west: Wäre Ihre Diagnose denn auch die der meisten Theaterkünstler: dass die rechten Kräfte wiedererstarken und alles an vor hundert Jahren erinnert?
CHRISTOPHER RÜPING: Dass rechte Kräfte stärker werden, ist ja keine Frage der Meinung, sondern Fakt, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, dem ganzen globalen Norden. Ob man das jetzt mit der Situation vor hundert Jahren in Deutschland vergleichen kann, müssen Menschen beantworten, die sich besser auskennen als ich. Mir scheint jedenfalls, es gibt eine große Angst. Und zwar in alle Richtungen: Auf der einen Seite Verlustängste, Zukunftsängste, Existenzängste, die bei manchen dazu führen, ihre Kreuze bei rechten Parteien zu machen. Auf der anderen Seite die Angst vor genau diesen Kreuzen. Dagerman schreibt: »Die Angst ist der tiefste Zustand dieses Landes«. In den letzten Jahren haben überall im Land Schwindel-Zentren aufgemacht und alle sind sie völlig überlaufen. Ein Arzt sagte mir: Bei 80 Prozent der Leute, die mit Schwindel kommen, finden wir nichts Physisches. In diesen Fällen handelt es sich meistens um Angststörungen.
kultur.west: Wie gehen Sie konkret an die Inszenierungsarbeit heran?
CHRISTOPHER RÜPING: Das ist unterschiedlich. Manchmal stoße ich auf einen Text, der mich einfach nicht loslässt. »Trauer ist das Ding mit Federn« von Max Porter, den ich am Schauspielhaus Bochum inszeniert habe, war so ein Text: Ich fand (wie bei Dagerman) den Buchumschlag toll, hab das Buch ahnungslos gekauft, es hat mich völlig umgehauen, ich wusste ziemlich direkt, dass ich es inszenieren will. Am Anfang des Probenprozesses stand also der Text und eine ihm abgeleitete Frage: Wie finde ich einen Weg aus der Trauer? Aber es geht auch andersherum. Manchmal gibt es ein Thema, das mich umtreibt, künstlerisch wie menschlich, zum Beispiel der Schwindel: Wo kommt er her, wo will er hin? Das Thema wird dann zum Magneten, ich laufe mit ihm durch mein Leben – Gespräche, Musik, Momente, Bücher, Zitate bleiben haften. Nach und nach entsteht aus dem Thema ein Text. Und manchmal auch ein Netzwerk. So bin ich zum Beispiel auf das Forschungsprojekt »Iliggocene – The Age of Dizziness« gestoßen, das künstlerische Positionen zum Thema Schwindel versammelt. Ein ganzes Netzwerk von Künstler*innen, die sich auf völlig andere Art mit derselben Frage beschäftigen wie wir im »Deutschen Herbst«.
kultur.west: Arbeiten Sie gern mit denselben Menschen über Jahre hinweg?
CHRISTOPHER RÜPING: Mir ist die Balance wichtig. Bei »Deutscher Herbst« wird man Wiebke Mollenhauer auf der Bühne sehen, mit der ich seit dem ersten Semester an der Schauspielschule zusammenarbeite, es werden bald 20 Jahre. Auch mit Benjamin Lillie und Steven Sowah arbeite ich schon seit Langem. Kontinuität schafft Vertrauen: Vertrauen, dass man einander wirklich meint – und man nicht etwa dazu gebracht wurde, miteinander zu arbeiten. Vertrauen auch darin, dass man nicht bei jeder Komplikation gleich das Handtuch wirft. Die Gefahr ist allerdings, dass eine Produktion zum »closed shop« wird, dass man im eigenen Saft gärt. Deswegen ist mir in jeder Arbeit ein Gleichgewicht wichtig, dass also auch komplett neue Begegnungen und Stimmen dazukommen.
kultur.west: Warum ist Musik bei Ihnen so zentral – oft auch populäre Musik?
CHRISTOPHER RÜPING: Weil sie in meinem Leben so zentral ist. Sie gehört einfach dazu. Ich benutze Musik in meinen Inszenierungen selten als Hintergrund, als »underscoring«. Entweder ist die Musik an und laut und erzählt etwas, was sich für mich nicht anders erzählen lässt – oder sie ist aus. Mir ist wichtig, dass die Musikauswahl spezifisch mit dem Projekt zu tun hat. Ich bemühe mich darum, nicht einfach nur meine Spotify-Playlist in die Inszenierungen zu ballern. Für »Deutscher Herbst« interessiert uns die Musik der deutschen Romantik, speziell die wenigen Kompositionen für Blechbläser. Gleichzeitig beschäftigen wir uns mit den Böhsen Onkelz, die früher als Rechtsrock-Band bekannt waren. Die haben einen Song namens »Deutschland im Herbst«, da geht es um die rechten Terroranschläge in Rostock-Lichtenhagen. Die Band wendet sich plötzlich gegen rechte Gewalt, vollzieht also eine 180-Grad-Kehrtwende. Auch das ist ein »Deutscher Herbst«, auch er ist für uns von Bedeutung.
kultur.west: Bleiben Sie Bochum eigentlich über die aktuelle Ruhrtriennale erhalten?
CHRISTOPHER RÜPING: Mir liegt extrem viel an Bochum als Theaterstadt und ihrem Publikum. Ich bin zuversichtlich, dass man sich nicht so schnell aus den Augen verliert.
Zur Person
Christopher Rüping wurde 1985 in Hannover geboren, studierte Theaterregie in Hamburg und Zürich. Seine ersten Inszenierungen zeigte am Schauspiel Frankfurt. Mit »Das Fest« nach dem gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg, das er für das Staatstheater Stuttgart erarbeitet hatte, wurde er 2014 zum ersten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In den folgenden Jahren gelang ihm das noch häufiger, unter anderem mit der Inszenierung »Das neue Leben« am Schauspielhaus Bochum. Rüping arbeitet heute im gesamten deutschsprachigen Raum und seine Inszenierungen sind auch regelmäßig auf Festivals im In- und Ausland zu sehen
»DEUTSCHER HERBST«
17. BIS 20. SEPTEMBER
JAHRHUNDERTHALLE BOCHUM

