Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zeigt »Astrid Lindgrens Welt in Bildern«. Und rückt die Illustrator*innen in den Fokus.
Kinderbuchautorin? Freundin, ja Seelenverwandte aller Kinder, Abenteurerin im Reich der Fantasie, Anwältin der Schwachen und Kritikerin politischer Unvernunft. Astrid Lindgren (1907-2002) war mehr als die bedeutendste Kinder- und Jugendbuchautorin der Welt. Mit ihren rund 70 Büchern, die in mehr als 100 Sprachen übersetzt wurden, hat sie die Welt nicht nur ein bisschen wärmer gemacht. Sie hat auch ein neues Tierschutzgesetz erkämpft (1986), zog noch im hohen Alter gegen Atomkraft und Tiertransporte zu Felde. Sie erhielt den Alternativen Nobelpreis für ihren »lebenslangen Kampf für die Rechte von Kindern« (1994) und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1978). Mit ihrer berühmten Dankesrede »Niemals Gewalt« richtete sie sich an alle Erzieher*innen. Kein Wunder, dass die Schweden sie als Nationalheilige verehren.
Wie sehr Lindgren auch hierzulande noch immer geliebt wird, erlebt man derzeit in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Dort rückt die Ausstellung »Pustekuchen, Schabernack und Plutimikation – Astrid Lindgrens Welt in Bildern« erstmals die unterschiedlichen Künstler*innen in den Fokus, die den kultigen Figuren ihrer Bücher über die Jahrzehnte hinweg im europäischen Raum Gesichter gegeben haben. Gesichter, die so vertraut sind wie gute Freunde: Pippi Langstrumpf, Madita, Karlsson vom Dach, Kalle Blomquist, die Kinder auf Saltkrokan oder Ronja Räubertochter. Eltern mit ihren Kindern schauen sich beglückt die Illustrationen an, weisen sich gegenseitig auf Details hin.
570 Original-Illustrationen über vier Etagen
Eine alte Dame steht tief versunken vor dem Cover-Entwurf mit Ikonenstatus der handlichen deutschen Urfassung von »Pippi Langstrumpf« von 1949 vor leuchtend blauem Hintergrund. Walter Scharnweber hat ihn für den Verlag Friedrich Oetinger in Hamburg gezeichnet. Alle weiteren Illustrator*innen sollten sich daran orientieren. Minutenlang schaut die Besucherin den Entwurf an, gestützt auf einen Rollator. »Ja, so sah mein erstes Pippi-Buch aus«, sagt sie halb zu sich selbst, halb zu der Frau neben sich.
Die ambitionierte Ausstellung birgt einen Schatz: 570 Original-Illustrationen aus der Entstehungszeit bis zu haptischen Baby-Pappbüchern von heute sind »süffig« aufbereitet über vier Etagen. Einige wurden aus Schweden und Estland ausgeliehen. Sortiert sind Exponate nach den Protagonist*innen der Bücher. Großformatige Erklärtafeln mit Beschreibungen der Figuren strukturieren die einzelnen Stationen. An den unteren Wandrändern stehen in Lindgrün Zitate der schwedischen Weltautorität. Wie wahr: »Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber man kann vieles herausstreicheln.«
Im Erdgeschoss lachen einem Kindergesichter in lebhaften Farben entgegen: Pippi Langstrumpf, Lindgrens »Erstgeborene« (1945) und berühmtestes ihrer »Kinder«, bestreitet, chronologisch sinnvoll, den Einstieg. Die Bilderbuch-Auskopplungen von Katrin Engelking aus »Pippi Langstrumpf feiert Geburtstag«, Tinte und Tusche auf Karton von 2025, zeugen von Experimentierfreude. Die Partygesellschaft in bester Laune zeigt Pippis gepunktetes Pferd Kleiner Onkel mit Hut, den Affen Herrn Nilsson und die Kinder mit Tasse auf dem Kopf. Wer genau hinschaut, erkennt die Bemühung um behutsame Modernisierung: Neben die Zimtwecken von einst haben sich zeitgenössische Muffins und Sushi-Rollen gemogelt.
Ilon Wikland hat die meisten Bücher von Lindgren illustriert. Ihr Markenzeichen ist einerseits ein klarer, ruhiger Stil ohne Ausgestaltung des Hintergrunds. Ihr Blick ruht auf dem Wesentlichen: den Kindern. Was in Lotta vorgeht, wenn sie im Streit mit der Mutter breitbeinig dasteht, die Knie durchgedrückt, die Fäuste geballt, ist offensichtlich. Ihre runden Kinderwangen, der so oft empörte Blick, die zerzausten Haare – das ist unverkennbar Wiklands Strich. Und wenn Madita sich im Schneegestöber verlaufen hat, lässt die fröhliche rote Mütze schon die bevorstehende Rettung ahnen. Eine nachdenkliche Porträtstudie der berühmten Autorin aus der Feder von »Michel«-Illustrator Björn Berg rundet die Schau ab.
»PUSTEKUCHEN, SCHABERNACK UND PLUTIMIKATION.
ASTRID LINDGRENS WELT IN BILDERN«,
LUDWIGGALERIE SCHLOSS OBERHAUSEN
BIS 17. JANUAR 2027
FREIER EINTRITT FÜR KINDER UND JUGENDLICHE BIS 17 JAHRE

Rahmenprogramm
»Für alle« bietet das Museum Theater- und Kinovorstellungen, Lesungen und Führungen an. So das Dokudrama »Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren«, Lichtburg Oberhausen (25. Oktober), oder die Lesungen im Bilderbuchkino »Lotta kann fast alles« mit Rainer Piecha (4. Dezember) und »Eine wie sie fehlt in dieser Zeit« mit Katrin Hörnlein (8. Januar). Außerdem für Kinder & Familien etwa »Offenes Kinderatelier«, Eltern-Baby-Zeit, »Kindertag – Werkstatt offen für Spunk, Spiel und Bilderbuchlandschaften« (15. November). Inklusiv: Führungen in einfacher Sprache (14. November), »Frau Wilhelmine und das rosa Schloss« – begleitete Rundgänge für Menschen mit und ohne Demenz.






