Vor ihrem tragischen Tod in Afghanistan berichtete die in Höxter geborene Fotografin Anja Niedringhaus aus Kriegs- und Krisengebieten rund um den Globus. In einer großen Ausstellung in der Oberhausener Ludwiggalerie sind jetzt auch sehr überraschende und persönliche Fotos von ihr zu sehen.
Ernst Jünger stellte schon 1930 fest, dass »es Krieg ohne Fotografie nicht mehr gibt«. Heute wird es allerdings immer schwieriger, zu überprüfen, woher die Fotos aus Kriegsgebieten kommen: wer sie zu welchem Zweck mit dem Handy aufgenommen hat, ob sie wirklich echt und nicht mit KI verfremdet oder generiert sind, ob sie überhaupt aus den aktuellen Kampfzonen stammen. Zu Lebzeiten der 2014 bei einem Einsatz in Afghanistan gestorbenen Anja Niedringhaus gab es natürlich auch schon Betrug mit Bildern – aber die Technik bot dazu noch nicht die heutigen Möglichkeiten dazu. Die in NRW geborene Fotografin stand für eine eingebettete, aber trotzdem unabhängige Kriegsberichterstattung. Die Ausstellung »An vorderster Front« in der Ludwiggalerie Oberhausen gibt jetzt einen umfassenden, auch überraschenden Einblick in ihr Werk.
Als die 1965 in Höxter geborene Anja Niedringhaus am 4. April 2014 einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Afghanistan in einem Wahlkonvoi unterwegs war, wurde sie von einem Attentäter erschossen. Der Fall erregte international Aufmerksamkeit – immerhin war sie Trägerin des Pulitzer-Preises für ihre Fotoberichterstattung aus dem Irak-Krieg Anfang des Jahrtausends. Auch in Deutschland sind ihre Lebensleistung und ihr tragischer Tod bis heute Thema, kürzlich erst setzte sich eine ARD-Dokumentation mit seinen nicht ganz geklärten Hintergründen auseinander.

Einsatz in Afghanistan.
© picture alliance / AP / Peter Dejong
Schon zu Lebzeiten wurden Anja Niedringhaus‘ Fotos in Museen ausgestellt, zum Beispiel bei der Situation Kunst. Sie selbst wunderte das und sie gab sich beim Besuch in Bochum bescheiden: Sie sei keine Künstlerin. In Oberhausen hängen jetzt über 250 Bilder, die das Gegenteil beweisen. Praktisch alle sind nicht nur mit einem untrüglichen Gespür für Situationen mit Symbolcharakter entstanden, sondern bestechen auch mit einer klugen Aufteilung – und oft ist allein die Wahl des Motivs genuin künstlerisch. 2012 begleitete sie etwa einen Soldaten während eines Patrouillengangs im Grenzgebirge zwischen Pakistan und Afghanistan. So wie sie ihn von hinten auf einem schneebedeckten Aussichtspunkt über ferne Gipfel blickend ablichtet, würde ihr niemand glauben, dass sie nicht mit voller Absicht Caspar David Friedrichs »Wanderer über dem Nebelmeer« zitieren wollte.
Oder die Feuerwehrleute, die sie kurz nach dem 11. September 2001 bei Aufräumarbeiten an den Ruinen des World Trade Centers in New York fotografierte: Das Bild ist eine ganz und gar ungewöhnliche Komposition aus Schutt, Staub und Schatten – auch ein Vogel mit großen Schwingen zeichnet sich oben als Schatten ab. Als Erinnerung an die von Terroristen gekaperten Flugzeuge oder als Symbol der Hoffnung? Die Betrachter*innen dürfen entscheiden.
Im Eingangsgeschoss der Ausstellung können sie der (unfreiwilligen) Künstlerin überraschend nah kommen. Da zeigen Fotografien von Cedric Fernández ihren letzten Wohnort: Das Haus in Kaufungen bei Kassel, in dem sie mit ihrer Schwester Gide gewohnt hat. Preise und Urkunden sind über einem schmalen, vollgestopften Regal zusammengestellt. Es wirkt nicht so, als hätten sie viel Raum in ihrem Leben eingenommen. Interessant ist die Reibung, die sich in diesem Raum ergibt: Neben den Einblicken in ihr Privatleben stehen hier auch ihr Blauhelm und ihre schutzsichere Weste in Vitrinen. Man fragt sich unweigerlich: Was hat diesen Menschen aus behüteten, bürgerlichen Verhältnissen dazu getrieben, immer wieder in Kriegsgebiete zu reisen?
Schon mit 14 Jahren begann sie, zu fotografieren, lernte es autodidaktisch und ließ auch kein Studium darin folgen. Mit 16 Jahren begann sie bei der Lokalredaktion in ihrer Geburtsstadt Höxter und schlug einen Berufsweg als journalistische Fotografin ein. In der Ausstellung sind auch frühe Fotos zu sehen, etwa Portraits von Willy Brand in Leipzig oder dem siegreichen Gerhard Schröder 1998. Mit dem Foto einer Riege von Politikern neben dem winkenden Helmut Kohl am Tag der Deutschen Einheit 1990 kann man schon ihren ungewöhnlichen fotografischen Blick erkennen. Sie findet einen Moment, der nicht in erster Linie von repräsentativen Posen bestimmt wird, und rahmt die Politiker in das umgebende Grün.
Ihr Sehnsuchtsort
Als sie im Radio vom Ausbruch des Kriegs in Jugoslawien erfährt, arbeitete sie für die Fotoagentur EPA und reagiert emotional: »Ein Krieg mitten in Europa? Ich fragte mich: Was mache ich hier eigentlich? Und ich bin sofort zu meinem Chefredakteur: ‚Ich will dahin.‘ Der dachte, ich spinne.« Sie hatte keinen Erfahrungen auf dem Gebiet der Kriegsfotografie, war allerdings schon weit gereist. Nach vielen Bittbriefen durfte sie fahren – und berichtete über fünf Jahre immer wieder aus dem zerfallenden Land. Es gibt eine Anekdote, wie sie sich damals Respekt in einer Männerwelt verschaffen musste und drei Flaschen Weinbrand mit ukrainischen Soldaten trank, um an 50 Liter Benzin zu kommen. Am Ende waren die Soldaten so beeindruckt, dass sie das teure Benzin umsonst mitnehmen durfte.
Afghanistan, das Land, in dem sie 2014 tragisch ums Leben kommen sollte, war ihr auch ein Sehnsuchtsort. Sie liebte seine Schönheit und zeigt sie in ihren Fotos – auch wenn sie es in turbulenten Zeiten besuchte. Ein großformatiges Bild zeigt etwa per Fallschirm abgeworfene Lebensmittel für US-Marines im Juni 2011 und dahinter die Weite und die Farben der afghanischen Steppenlandschaft mit Bergen am Horizont. Niedringhaus, die im Kreise der Kriegsjournalisten oft die einzige Frau war, interessierte sich am Hindukusch auch für die Möglichkeiten, die Frauen in der Gesellschaft hatten. Bevor die Taliban wieder die Macht errangen, gab es auch in dieser Beziehung eine Zeit der Öffnung, die sie etwa im Bild eines lesenden Mädchens in einer Mädchenschule in Kunduz festhielt.
Im letzten Raum der Ausstellung im Obergeschoss finden sich Fotografien, die man von Anja Niedringhaus wohl kaum erwartet hätte: Sie war zwischen ihren Einsätzen in Kriegsgebieten nämlich auch als Sportfotografin tätig. Hier gibt es nicht nur ein Wiedersehen mit Steffi Graf oder Usain Bolt – auch bei den Sportbildern begegnet den Besucher*innen ihr ungewöhnlicher Blick: etwa auf die norwegische Geherin Kjersti Plätzer, die bei der Olympiade in Peking 2008 erschöpft in einer Regenpfütze am Boden liegt. Anja Niedringhaus‘ Blick ist ehrlich und nicht beschönigend, wirkt auch unkorrumpierbar. Man würde sich wünschen, dass sie heute aus Kriegsgebieten im Iran, der Ukraine oder dem Libanon berichten könnte.
»ANJA NIEDRINGHAUS – AN VORDERSTER FRONT«
BIS 13. SEPTEMBER






