In schrecklich schönem Schwarzweiß: Der diesjährige Eröffnungsfilm des Festivals Max Ophüls Preis: »Sie glauben an Engel, Herr Drowak« von Nicolas Steiner – unser Film des Monats.
Alles im Extrem und in schrecklich schönem Schwarzweiß, das ab und zu, wenn Poesie die Prosa überwindet, zur Farbe wechselt. Großaufnahmen, intensiv von der Kamera mit einem Spürsinn für bizarre Schauplätze und surreale Einstellungen eingefangen: eine Ratte im Kanaltunnel, die in eine verwahrloste, mit Flaschen vollgestellte Wohnung huscht. Hier hockt ein ungepflegter Mann im Sessel, die abgebrannte Zigarette im bärtigen Mund, hört das Klingeln der Türschelle und beäugt die auf Miniaturformat verkleinerte Abordnung der Behörden-Mannschaft, wie sie sich ihm in seinen Fensterspiegeln darstellt, und bewirft sie von oben herab mit Abfällen und selbst gebastelten »Pissbomben«, die wie zweckentfremdete Luftballons aussehen.
Und das ist nur der Anfang. So geht’s weiter – als visueller Trip durch eine mit Hochhäusern bepflanzte Stadt und Unterwelt des Bewusstseins, so in etwa Metropolis 2.0. Eine junge Frau betritt ein zugemülltes Amtsgebäude und kämpft sich durchs Treppenhaus. Lena Jacobi bewirbt sich bei einem Beamten (Jan Bülow) auf eine Stelle als Schreib-Trainerin. Die Schweizerin Luna Wedler spielt sie als kesses Gör, das eine Enkelin Katharina Thalbachs sein und die Mauern von Babylon Berlin zum Einsturz bringen könnte.
Das Motto, das der Amtsleiter ausgibt (der unvermeidliche Lars Eidinger mit Fatzke-Allüren – angesichts der Originalität der sonstigen Besetzung die einzig betrübliche Einfallslosigkeit), heißt: »tolerant und gewaltfrei durch Kreativität«. Es gibt nur einen Teilnehmer – und seine Betreuerin.
Tragikomödie von todesbitterer Tiefe
Hugo Drowak (der österreichische Charakterkopf Karl Markovics) haust in der sozialen Randzone. Der Dante-Kenner, heilige Trinker zwischen Delirium und Inspiration, garstige Pessimist und Menschenhasser ist wie von ungefähr in ein städtisches Sonderprojekt geraten, das als rabiater Grundsicherungs-Crashkurs diverse künstlerische Programme auflegt, um den Gestrauchelten auf die Beine zu helfen. Seine Gedanken auf Papier bringend, wird Drowak zum Dirty Poet und fantastisch-farbigen Erzähler, der Gott und die Engel und überhaupt die ganze Gesellschaft zur Hölle schickt. Nur die Liebe nicht.
»Drowak« weiß manches von Beckett, Kafka und Kaurismäki. Nicolas Steiner inszeniert nach dem Drehbuch von Bettina Gundermann und dank der absolut grandios artifiziellen Kamera des Markus Nestroy eine Tragikomödie von todesbitterer Tiefe, satirischer Schärfe, anarchischer Lust. Und von traurig brutaler Zartheit während Drowaks monströser literarischer Erinnerungs-Pein, die nach Helsinki zurückreicht. Dass die Läuterungsgeschichte mit ihren skurrilen Figuren letztendlich weniger Material bietet, als ihre detailreiche, fabelhafte, situative Umsetzung es zeigt, ist mehr als verzeihlich, weil die Form zwar auch der Funktion folgt (das zur Kenntlichkeit verzerrte Abbild einer überreguliert menschenunfreundlichen Bürokratie und absurden Welt), sich aber mindestens so sehr davon frei macht.
»Drowak« eröffnete im Januar das 47. Festival Max Ophüls Preis. Das Festival in Saarbrücken verzeichnete seit seinem Bestehen 1980 vielfach Gewinner, die – mal leise, mal lauter – des deutschen Kinos schwierigstes, unbotmäßiges Kind, die Komödie, feiern: darunter in seinem Eröffnungsjahr Niklaus Schillings »Der Willi-Busch-Report«, »Peppermint Frieden« von Marianne Rosenbaum, Hans Weingartners »Das weiße Rauschen« oder 2006 Benjamin Heisenbergs »Schläfer«. »Sie glauben an Engel, Herr Drowak« passt ideal in diese Reihe, ob mit oder ohne Auszeichnung: Weil eine Komödie immer den Tod bei der Hand haben und halten muss. *****
»Sie glauben an Engel, Herr Drowak«, Regie: Nicolas Steiner, D / Schweiz 2025,
127 Min., Start: 19. Februar






