In NRW feiern Musicals ein Comeback auf den Bühnen. Zu Recht, wie unser Streifzug durch die Theaterhäuser in Detmold, Dortmund, Bochum, Bonn und Gelsenkirchen zeigt.
DIE SINALCO SCHMECKT
ORANGENES WIRTSCHAFTSWUNDER: DAS LANDESTHEATER ERZÄHLT DIE GESCHICHTE DER IN DETMOLD GEGRÜNDETEN LIMONADEN-FIRMA.
Man würde erstmal nicht drauf kommen, aber umso mehr man in die Geschichte der Sinalco-Limonade einsteigt, desto interessanter wird es. Weil sie viel über die Bundesrepublik, über kulturellen und politischen Wandel erzählt. Von ihrer Erfindung durch einen Naturheilkundler in Detmold über den Aufbau eines mittelständischen Unternehmens, das auf fast alle Kontinente exportierte und Sinalco bald bekannter machte als Coca Cola. Bis zum dunklen Fleck in der NS-Zeit, als ein strammer Nazi Chef wurde – davon erzählt »Das Glück ist eine Orange« am Landestheater auf zwei Zeitebenen. Das Musical setzt in den Wirtschaftswunderjahren an, als Gustav Hardorp nach Internierung und Entnazifizierung wieder Unternehmensleiter wird. In der Kriegs-Zeitebene spaziert er gern mit »Mein Kampf« unterm Arm durch die Büroräume. Das durch dazugebuchte Musical-Darsteller*innen ergänzte Ensemble wird verstärkt vom Symphonischen Orchester und Ballett des Hauses. Regisseur und Autor Peter Lund und Komponist Thomas Zaufke haben schon 15 Musicals geschaffen, teils Dauerbrenner auf deutschen Bühnen. In Detmold hat man sie das erste Mal engagiert. Mit dem riesigen Ensemble gelingen ihnen großartige Choreographien, die Werbedesigns von Sinalco nachstellen und sich auf dem Broadway nicht verstecken müssten. Zaufkes Lieder haben ihren Anker klar in der erzählten Zeit der 1940er und 60er Jahre – den Hoch-Zeiten des Genres. Neue Gassenhauer, die wie alte klingen. Und natürlich scheint hier und da der Flohwalzer aus dem berühmtem Werbe-Jingle auf: »Die Sinalco schmeckt…« MFK
WIEDER AM 28. UND 29. DEZEMBER, WEITERE TERMINE BIS 3. JULI

MIT POMADE IM HAAR
IN DORTMUND WIRD »GREASE« ZUM FEELGOOD-MUSICAL MIT EINER SCHÖNEN EINSTIEGS-IDEE.
Sandy und Danny hatten einen wunderschönen Tag am Strand. Aber als sie sich in der High School wieder treffen, benimmt sich Danny komisch. Er will cool sein, sich bei den anderen Jungs einschleimen. Doch die beiden erkennen, dass sie füreinander bestimmt sind und singen am Schluss »You’re the one that I want«. »Grease« ist ein pures Wohlfühl-Musical, in dem alle Probleme verschwinden. In London spielte der damals noch völlig unbekannte Richard Gere die Hauptrolle, später machten John Travolta und Olivia Newton-John das Stück durch die Verfilmung endgültig berühmt. Nun hat sich Regisseur Gil Mehmert für die Dortmunder Aufführung einen neuen Anfang ausgedacht. Zwei alte Paare laufen in der Gegenwart durch das Schulgebäude, das anscheinend abgerissen wird. Baulärm tönt durch das Theater. Sie erinnern sich an ihre Jugend, und dann geht das eigentliche Stück los. Eine schöne kleine Aktualisierung, die dem Musical einen neuen Akzent gibt. So wird es eine Huldigung an die gemeinsame Erinnerung. Ein sehr lebendiges, kraftvoll singendes und tanzendes Ensemble macht den Abend zum Erfolg. Unglaublich viele Hits sind in »Grease« versammelt, Rock’n’Roll-Kracher wie »Grease Lightning« oder herzblutvolle Balladen wie »Hopelessly devoted to you«. Es gibt deutsche Übertitel, damit das Publikum auch die englischsprachigen Songtexte verfolgen kann. Es macht einen Riesenspaß in die Welt der Footballmannschaften und Cheerleaderinnen abzutauchen, in die Liebesgeschichten und Rivalitäten. Die jungen Leute müssen lernen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Das Thema bleibt immer aktuell. SK
4., 7., 13., 21. UND 31. DEZEMBER, WEITERE TERMINE BIS 12. APRIL,

I lOVE YOU, BABY!
IN BOCHUM WIRD »ROMEO UND JULIA« ZUM BRILLANT-KOMISCHEN SING- UND LIEBESSPIEL.
Es sind Shakespeare-Wochen in Hückeswagen bei Wuppertal. Mit dabei: der Kleppersfelder Kulturverein mit seiner »Welturneuheitspremiere« von »Romeo und Julia« – allerdings mit anderem Text und anderer Melodie. Clemens Sienknecht, Co-Regisseur und musikalischer Leiter der Produktion, führt uns als Vorsitzender dieses Vereins selbst durch diesen brillant-komischen Abend. Dafür baut er seine Drum-Machine auf, wirft den Looper an, greift in die Saiten seiner Gitarren und in die Tasten seines Flügels. In den nächsten 100 Minuten folgen wir einer musikalisch-szenischen Reflexion über die Liebe und die Liebe zum Theater. Es ist ihre bekannte Methode: Marthaler-Schauspieler Sienknecht und Barbara Bürk fügen Schlüsselszenen aus Klassikern, live gespielte und gesungene Musik (hier von »Can’t Take My Eyes Off You« bis »Ti amo« und »Born to be wild«) und skurrile Tanzeinlagen zum unperfekt-perfekten Musical zusammen. Beim Bochumer Publikum sind »Romeo und Julia« in diesem überdrehten Show-Format längst zum Hit avanciert.
Das Ensemble in glamourösen Renaissance-Kostümen von Anke Grot überspringt Shakespeares berühmtes Liebessonett, schickt mit einem »Felicità« und «Senza una donna«-Mix Grüße in die italienische Partnerstadt und übersetzt auch mal ins Niederländische und Spanische (mit arabischen Übertiteln). Puk Brouwers glänzt mit wehender Prinz-Eisenherz-Frisur und dem Charme eines übereifrigen Heranwachsenden. Es wird geschmachtet, gekämpft, gerappt, gestolpert und gestorben bei diesem stimmig arrangierten Sing- und Liebesspiel. Welche Freude! HEP
25. UND 28. DEZEMBER, 7., 24. UND 31. JANUAR, KAMMERSPIELE BOCHUM

GANZ UNVERSTELLT
IN BONN WIRD »TOOTSIE« ZU EINER HINREIßENDEN PERSIFLAGE AUF DEN BROADWAY.
Auftritt Dorothy. Plötzlich stehen nicht mehr Romeo und Julia im Mittelpunkt, sondern die Amme. Denn bei »Tootsie« in Bonn wird die Nebenrolle zum Star: Obwohl die hagere Schauspielerin mit Margaret-Thatcher-Nostalgiefrisur und Brille nicht gerade gängigen Schönheitsidealen folgt. Aber sie hat Ausstrahlung und Menschlichkeit. Einziges Problem: Dorothy ist eigentlich Michael. Er hat sich aus purer Not als Frau verkleidet, weil er als Mann keine Rollen bekommen hat. Regisseur Gil Mehmert legt in seiner Inszenierung am Theater Bonn viel Wert auf die Hintergründe. Das 2018 in Chicago uraufgeführte Musical verändert den Film von 1982 in einem wichtigen Punkt. Dustin Hoffman kriegt auf der Leinwand eine Rolle in einer Fernseh-Soap und wird dort zum Star. Julian Culemann, der die Rolle nun in Bonn spielt, bewirbt sich auf eine frei gewordene Stelle in einem »Romeo und Julia«-Musical. So wird aus einer Mediensatire eine hinreißend ironische Persiflage auf den Broadway – und gleichzeitig eine Huldigung an das Musical. Michael verliebt sich als Dorothy hemmungslos in die Julia-Darstellerin Julie. Was leicht nachvollziehbar ist, denn Julie wird von Bettina Mönch gespielt, einer der besten Musicaldarstellerinnen derzeit, schauspielerisch wahrhaftig, stimmlich grandios und überwältigend temperamentvoll. Doch natürlich ist Julian Culemann der Star der Aufführung. Er muss stimmlich variabel sein, in den Höhen weiblich, in den Tiefen männlich klingen, ohne dass die Stimme jemals verstellt wirkt. Er muss die großen Nummern abliefern, aber auch in den intimen Szenen Sensibilität entwickeln. Jürgen Grimm gibt der Band Feuer, jede Rolle ist prima besetzt. SK
6., 13. UND 22. DEZEMBER, 1. UND 27. JANUAR, WEITERE TERMINE BIS 14. MAI,

SENSIBEL ERZÄHLT
DAS MUSIKTHEATER IM REVIER BRINGT »DAS LICHT AUF DER PIAZZA« NACH GELSENKIRCHEN.
Das ist ein Musical der alten Schule. Ohne Dance Company, Bühneneffekte und große Show. Dafür mit Herz, vielschichtigen Charakteren und einem romantisch-süffigen Orchestersoundtrack. »Das Licht auf der Piazza« spielt in den 1950er Jahren und klingt auch so. Dabei ist das Stück gerade einmal 20 Jahre alt. Ein Musical für Freunde der Nostalgie und alle, die dramatische Geschichten mit gefühlvollem Tiefgang mögen. Zwei Amerikanerinnen in Florenz: Margaret Johnson und ihre Tochter Clara sind auf Bildungsreise in Europa. Clara verliebt sich in den jungen Italiener Fabrizio und verhält sich deutlich offenherziger als es in den 50ern üblich war. Die junge Frau ist als Kind von einem Pferd an den Kopf getreten worden, ihr Geist ist der eines Kindes geblieben. Sie reagiert ungefiltert emotional, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es möchte. Aber sie fordert Eigenständigkeit, lernt Italienisch, will ein eigenes Leben führen. Und vielleicht kann das sogar klappen. Oft wirkt die Handlung wie ein gesellschaftskritisches Melodram von Douglas Sirk. Anke Sieloff als Mutter und Katherine Allen als Clara singen und spielen ihre Rollen überragend. Ein bisschen viel Gedöns verursacht Julia Schnittgers Bühne, die oft überdimensionale Kunstwerke durch die Gegend fliegen lässt. Eine Verlegenheitslösung, die daher rührt, dass dieses Musical viel besser abgespeckt ins kleine Haus passen würde, als intimes Kammerspiel. Aber auch auf der großen Bühne entfaltet Carsten Kirchmeiers Inszenierung Kraft, wenn sie sich auf die Figuren konzentriert. Musicals brauchen nicht immer die dicke Show, manchmal reicht auch eine sensibel erzählte Geschichte. SK
7., 19. UND 27. DEZEMBER, 4. UND 17. JANUAR,
WEITERE TERMINE BIS 15. FEBRUAR,






