Wie kann man den Buchhandel neu denken? Der Gelsenkirchener Literaturvermittler und Musiker Lukas Hermann macht es vor: Sein Laden »readymade« in Gelsenkirchen soll ein Raum des Austauschs sein, auf das Sortiment können alle Menschen aus der Stadt Einfluss nehmen. Wir haben mit ihm über sein Konzept gesprochen.
kultur.west: Herr Hermann, von einem Buchladen träumen viele. Wie kam Sie auf die für »readymade«?
LUKAS HERMANN: Schon während meines Studiums habe ich angefangen, selbstständig zu arbeiten, bin also mittlerweile schon seit zwölf Jahren in unterschiedlichen Bereichen tätig. Als nach meiner Promotion in Komparatistik meine Vertretungsstelle an der Uni Köln auslief, war der Turning Point gekommen und ich wusste: Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, etwas Neues auszuprobieren. Ich hatte schon in verschiedenen Buchhandlungen und Verlagen und im Literaturarchiv in Marbach gearbeitet und kannte somit die Buchwelt und ihre Perspektiven. Jetzt bin ich Buchhändler, Literaturvermittler und freischaffender Musiker.
kultur.west: Muss man neben der Liebe zur Literatur nicht auch ein paar BWL-Skills mitbringen?
HERMANN: Die Buchhandlung befindet sich auf der Bochumer Straße in Gelsenkirchen im sogenannten Kreativquartier, hinter dem gewisse Förderlogiken stehen. Ich habe hier schon früher Musikprojekte realisiert und gemerkt, dass das ein Ort mit einer interessanten Energie ist. Und so hat mich eigentlich der Ort dazu inspiriert, hier eine Buchhandlung zu eröffnen. Ich bin ganz in der Nähe aufgewachsen, hier sind super viele coole Leute, mit denen ich mich connecten wollte – und dafür braucht man einen Raum. Das war die erste Idee. Dann habe ich überlegt, was der Umgebung noch fehlt, und so entstand die Idee zur Buchhandlung – mit dem Konzept, erstmal die Tür aufzumachen, auf Leute zuzugehen und dann den Laden weiterzuentwickeln, idealerweise im Gespräch mit dem Quartier, Schritt für Schritt als DIY-Projekt.
kultur.west: »readymade« ist eine kuratierte Buchhandlung. Was genau bedeutet das?
HERMANN: Jedes Buch, das ich einkaufe, hat immer etwas mit mir oder mit einer Veranstaltung vor Ort zu tun. Um das nach außen zu tragen, werden alle drei Monate Bücher zu unterschiedlichen Themen präsentiert – in einem Regalsystem, das ich mit meinem Bruder, der Architekt ist, erdacht und gebaut habe. Die Themenschwerpunkte entwickele ich auch mit den Menschen aus dem Viertel. Zuletzt hatten wir das Thema »slowcore«, (ein sehr langsames Tempo in der Musik, Anmerkung der Redaktion) das nächste wird »Umwege« sein, weil hier in der Bochumer Straße gerade eine Monsterbaustelle inklusive einmonatiger Vollsperrung ist.
kultur.west: Heißt das, es gibt von jedem Buch auch nur wenige Exemplare?
HERMANN: Ja, meistens nur eins. Wenn das sofort weg ist, kaufe ich es manchmal noch einmal nach. Ein Buch wird bei uns also ab zwei Verkäufen schon zum Bestseller. Es gibt hier Belletristik aus kleinen Verlagen, Lyrik, Philosophie und Gesellschaftskritik und eine große Kinderbuchabteilung. Außerdem findet man auch mal ältere Titel, die zum Thema passen. Und durch mein eigenes Interesse als Musiker gibt es auch Schallplatten und Bücher rund um Musik.
kultur.west: Klingt so, als würde »readymade« nicht ohne Lukas Hermann funktionieren…
HERMANN: Ich verstehe mich auf jeden Fall als Literaturvermittler und wenn ich nicht gerade im Urlaub bin oder Termine habe, bin ich es, den man hier im Laden trifft. Das ist auch ein wichtiger Teil des Projektes: Themen zu den Menschen zu bringen und darüber dann über Bücher zu sprechen. Dazu gehören auch ein Lesekreis und zwei Veranstaltungsreihen: Montags um 18.30 Uhr wird eine halbe Stunde lang von mir oder Autor*innen vorgelesen und samstags um 11.30 Uhr gibt es eine halbe Stunde lang Klangkunst und wir sprechen über Musik.
kultur.west: Diese Orientierung an den Leser*innen zeigt sich ja auch an den personalisierten Abos, die man buchen kann. Wie hoch ist denn da die Trefferquote?
HERMANN: Eine hundertprozentige Garantie, dass jedes ausgewählte Buch gefällt, gibt es natürlich nicht – wenn man ein neues Musikalbum hört, ist das ja auch nicht immer ein Volltreffer. Aber beim Lesen besteht irgendwie die Erwartung, dass das Buch die Zeit wert sein und gefallen muss. Dabei kann die Geschmacksbildung auch dadurch gefördert werden, dass man mal was liest, was einem überhaupt nicht zusagt. Wenn ich die Abos kuratiere, ist das auch meine Herausforderung: mich auf den Geschmack einer anderen Person zu 100 Prozent einzulassen.
kultur.west: Rührt von diesen gebrauchsfertigen Leseempfehlungen auch der Name?
HERMANN: Ein Readymade ist ein Begriff aus der Kunstgeschichte und nach Marcel Duchamp ein Alltagsobjekt, das zum Kunstobjekt führt. Das möchte ich auch vermitteln: die ästhetische Ebene des Büchermachens, die eine komplexe künstlerische Arbeit ist. Aber auf der anderen Seite ist das Buch als Teil des Alltags auch einfach ein Gebrauchsobjekt und kein Schatz.
kultur.west: Heißt das, Sie machen Eselsohren und schreiben in Bücher?
HERMANN: Ja, auf jeden Fall!
kultur.west: Was würden Sie Menschen raten, die gerne mehr lesen würden?
HERMANN: Einfach machen! Bücher weglegen können, wenn sie einen langweilen. Und wild lesen! Nicht denken, du musst dich mit einem Thema sofort gut auskennen, sondern selbst Verbindungen für dich schaffen. Wenn von einem Buch das Interesse auf ein anderes zeigt, dann folge deiner Intuition, sei kreativ im Lesen, nicht passiv im Konsumieren!
kultur.west: Neben der Arbeit im Buchladen haben Sie auch das Label für Text und Klang »sirren« gegründet. Was steckt dahinter?
HERMANN: Seit 2024 bin ich bereits Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Brache, die Autor*innen aus dem Ruhrgebiet vernetzt. Mit »readymade« arbeite ich hyperlokal. Das Projekt »sirren« soll Literatur über das Ruhrgebiet hinaustragen: Das Label ist bewusst offen angelegt und soll langfristig Raum für unterschiedliche Formate bieten – von Veranstaltungen über Musikveröffentlichungen bis hin zu Büchern. Zunächst startet »sirren« als Verlag: Im Herbst erscheinen die ersten beiden Publikationen, die ich als künstlerischer Leiter eng begleite und auch lektoriere: »Aus hingehaltener Zunge« von Miedya Mahmod und »Der Tag von oben« von Sophia Merwald.
Zur Person
Lukas Hermann, geboren 1994 in Gelsenkirchen, hat in Dortmund und Bonn Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik studiert. Nach seiner Promotion war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln. Der Gelsenkirchener komponiert elektronische Musik mit modularen Synthesizern und gründete 2023 seine Buchhandlung im Stadtteil Ückendorf. Sein Buchtipp zum aktuellen Thema »Umwege« aus der readymade Buchhandlung ist Tini Malinas »Selma, du machst das falsch!«. Darin erzählt sie für Kinder über eine Spinne, die ihre Netze zu Kunstwerken macht.






