Die Ruhrfestspiele gehen am 1. Mai an den Start und präsentieren 80 Produktionen rund um das Motto »Erschrecken und Erstaunen«. Mit dabei sind wieder die Theatermacherinnen von werkgruppe2: Für die Uraufführung »Catladies« haben sie 17 alleinstehende Frauen, die im Ruhrgebiet mit Katzen oder Hunden zusammenleben, interviewt und dabei erstaunliche Lebensgeschichten kennengelernt.
In der Trickfilmserie »Die Simpsons« gibt es die überzeichnete Figur einer »Catlady«, eine verrückt und mürrisch wirkende alte Dame mit zerzaustem Haar, die stets Katzen bei sich trägt und manchmal sogar mit ihnen um sich wirft. Tatsächlich existiert das Klischeebild der »Catlady« in der Gesellschaft. Es meint nicht unbedingt eine verrückte, aber eine allein und zurückgezogen lebende Frau, die sich mit Haustieren umgibt. Die dokumentarisch arbeitende Theatergruppe werkgruppe2 hat sich für die Ruhrfestspiele für das Thema interessiert und nun eine Uraufführung aus Interviews erarbeitet. Zu Wort kommen in »Catladies« ausschließlich allein und mit Tieren lebende Frauen jenseits der 70 aus dem Revier.
In der Corona-Zeit hatte werkgruppe2 schon einmal ein Stück über die Lebensleistung von Frauen für die Ruhrfestspiele erarbeitet – dabei standen Arbeiterinnen aus dem Ruhrgebiet und aus Polen im Fokus. »Diesmal war unsere ursprüngliche Idee: Wir machen etwas zu Altersarmut«, erzählt Dramaturgin Silke Merzhäuser. »Das Thema ist noch nicht so beleuchtet, es auf der Bühne zu erzählen ist allerdings heikel, man hat mit vielen Stereotypen zu tun.« Die Gruppe bestehend aus Regisseurin Julia Roesler, Musikerin und Komponistin Insa Rudolph und der Dramaturgin Silke Merzhäuser fragte sich also: Wie kann man es über Bande erzählen? Diese Bande sind jetzt die Hunde oder Katzen. »Wir haben also unser Profil dahingehend geschärft: Wir suchen alleine lebende Frauen mit Haustieren.«
»Sprechen Sie mit Ihren Tieren?«
Die zu finden war gar nicht so einfach. Denn selbst wenn die Gruppe auf sie stieß, fanden die: »Ich habe doch gar nichts zu erzählen. Wie soll meine Geschichte Stoff für ein Theaterstück hergeben?« Die Gruppe suchte über Quartiersmanagements, die die Bewohnerinnen ihrer Viertel kannten. Effektiv waren aber auch Aushänge in Tierarztpraxen. Am Ende kamen Interviews mit 17 Frauen zustande, sehr ausführliche Gespräche von zwei bis drei Stunden Länge – sechs Frauen wurden zusätzlich auch noch mit der Kamera begleitet, weil Werkgruppe2 meist hybrid zwischen Theater und Film erzählt. Im Film sind besonders die Katzen und Hunde oder Interaktionen mit ihnen eingefangen, weil man die ja nicht so einfach auf die Bühne bringen kann.
Auch die Interviews kreisten tatsächlich viel um die Tiere: »Warum haben sie sie angeschafft? Geht es darum, Care-Arbeit nicht mehr für eine Familie, aber dafür für Tiere zu übernehmen? Sprechen Sie mit Ihren Tieren? Haben Sie Sorge, dass Ihr Tier stirbt? Das hat sich als guter Gesprächsanlass herausgestellt, weil man über viele intime Themen so sprechen konnte«, sagt Silke Merzhäuser. »Das sind richtige Beziehungen, das ist eine Art von Nähe, Bedeutung im Leben.«
Wenn man der Dramaturgin so zuhört, dann scheint der Theaterabend das Zeug dazu zu haben, das Klischeebild der alten Catladies zu wandeln. »Die haben nichts mehr mit meiner Großeltern-Generation zu tun. Es sind vor allem Nachkriegsgeborene, die älteste unserer Interviewpartnerinnen ist 84. Sie haben erlebt, dass ihre Eltern sehr mit sich selbst beschäftigt waren, nicht über Gefühle sprechen konnten – oder überhaupt nicht viel sprachen. Das mussten sie sich dann selbst im Laufe ihres Lebens erarbeiten.« Es geht also auch um die Themen Selbstfindung und Selbstbestimmung. Die Catladies gehören zur ersten Generation Frauen, wo das große Werte waren. Viele waren ihr Leben lang aktiv, heute zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe, sie singen im Chor oder reisen viel. Einige sind Alt-68er, andere sind christlich geprägt.
»Eine Grundaussage bei allen Frauen war: Ein Leben mit Mann können sie sich nicht mehr vorstellen«, erinnert sich die Dramaturgin. Nur Haustiere dürfen noch dauerhaft in ihren vier Wänden wohnen. Zitat einer Interviewten: »Da freut sich wenigstens jemand, wenn man nach Hause kommt.« Viele haben auch schlechte oder gewaltvolle Ehen erlebt und genießen jetzt sehr, dass sie sich nicht um einen Partner kümmern müssen, der auch noch umsorgt werden will. »Natürlich gibt es Einsamkeit, aber das Alleinsein wird auch als ein Wert gesehen.«
Im vergangenen Jahr gab es bei den Ruhrfestspielen die tolle, ebenfalls dokumentarische Produktion »Das geheime Leben der Alten« zu sehen, bei der Mohamed El Khatib und sein Team zeigten, dass Liebe und körperliches Begehren auch im hohen Alter nicht verschwinden. Das ist auch bei den »Catladies« nicht anders. Allerdings sagen sie: »Bei mir gibt es nur noch ambulant, nicht mehr stationär«, und meinen damit, dass sie kurze, liebevolle oder auch sexuelle Begegnungen schätzen, aber eben keinen Partner mehr im Haus haben möchten.
Armut und Berufsleben
»Eine Frau hat erzählt, wie sie angefangen hat zu tindern, und in der App auch ihr ehrliches Alter angegeben hat«, erzählt Silke Merzhäuser. »Gerade entwickelt sich etwas mit einem 20 Jahre jüngeren Mann.« Es gebe aber auch Frauen, die sagen, dass sie das Bedürfnis zum Glück nicht mehr hätten. »Das erleichtere viel.« Eine eigene Szene im Stück wird außerdem das Thema Berührung mit Tieren haben. Auch eine Katze kann ein Bedürfnis nach körperlicher Nähe erfüllen – wenn ihr Eigensinn das gerade erlaubt.
Eine Interviewpartnerin hat die Theatermacherinnen besonders verblüfft, weil sie eine so große Energie hatte: »Sie hat früh geheiratet, mit 21«, erzählt die Dramaturgin. »Ihr Mann war Akademiker, sie sind in ein Einfamilienhaus gezogen, haben ein Kind bekommen. Und ihr war wahnsinnig langweilig.« Die Interviewte habe es irgendwann schlicht nicht mehr ausgehalten: Ihr Mann war immer weg, sie saß in einem Neubau, sollte sich um den Haushalt kümmern. Sie trennte sich und fing ein wildes Leben an. »Sie war in Musikerkreisen unterwegs, hat gefühlt jahrelang nur Party gemacht.«
Die Energie und der Mut, der in 1970er Jahren – und oft auch heute noch – dazu gehört hat, zu sagen: Ich mach das jetzt wie ich will, der hat die Theatergruppe begeistert. Nach Jahren habe auch ihr schlechtes Gewissen aufgehört. »Denn natürlich trägt man das mit sich herum, wenn man aus Erwartungen ausbricht, denen des Ehemanns oder der eigenen Familie. Das hat wahnsinnig gekostet. Sie hat seitdem jeden Heiratsantrag ausgeschlagen.«
Auf der Bühne erzählen werden nicht die Interviewten selbst, wie bei anderen dokumentarischen Theaterprojekten. Werkgruppe2 arbeitet mit Schauspieler*innen, die die Interviews genau studieren: jedes »Äh«, jeden Versprecher oder wenn der Sprachfluss stockt. Die Gruppe stellt daraus einen Stücktext zusammen, das Ensemble kann ihn zu psychologischem Spiel verdichten. Die Perspektive bleibt allerdings streng die der »Catladies«, wird nicht ergänzt oder kommentiert durch Fremdtext etwa von Psychologen oder Soziologen. Aufgebaut ist das Stück nach Themen: Es fängt an mit Kindheit und Jugend, erzählt von Ehe und Beziehungen und wie sie in die Brüche gehen, und davon, wie es ist, wenn man altert, pflegebedürftig wird, wie es ist, wenn der Tod immer näher rückt. Armut und Berufsleben sind ein Thema, das sich überall mit durchzieht. Eine der Frauen komme auf 51 Beitragsjahre in der Rentenkasse.
RUHRFESTSPIELE, 1. MAI BIS 13. JUNI
»CATLADIES«, 14 BIS 16. MAI, KLEINES HAUS, RECKLINGHAUSEN
ENDE APRIL IST DER FILM »LUISA« VON WERKGRUPPE2 IN DEN KINOS GESTARTET, DER SEXUELLEN MISSBRAUCH IN EINER WOHNGRUPPE FÜR BEHINDERTE MENSCHEN THEMATISIERT.






