Nur wenige Schritte vom Wasser entfernt liegt das Latibul-Gelände, auf dem nicht nur der Neue Zirkus an sich, sondern auch das CircusDanceFestival in Köln sein Zuhause hat. Dabei gehen die Inszenierungen diesmal weit über das Areal hinaus ins gesamte Stadtgebiet, wie ein Blick ins Programm zeigt.
»Kommen Sie näher!« Das ist eine Aufforderung, die man sonst vom Straßentheater oder noch von Jahrmärkten kennt. »Come closer« hat das CircusDanceFestival nun sein Motto in diesem Jahr genannt, mit dem es wieder Neuen Zirkus auf dem grünen Gelände am Rhein im Kölner Latibul präsentiert – so groß, weitläufig, international wie nie. Das deutlich ausgedehnte Programm vom 16. bis 31. Mai ist rappelvoll mit Produktionen aus zeitgenössischem Zirkus und Tanz. Damit ist diese Ausgabe die umfangreichste in der sechsjährigen Geschichte des turbulenten Events: 50 Veranstaltungen stehen auf dem Programm, darunter 38 Werke aus zehn Ländern.
Erstmals verwandelt sich nicht nur das Festivalgelände des Rheinparks mit Zelten und Outdoor-Bühnen in eine Manege. Pop-up-Performances beleben, insbesondere am ersten Festivalwochenende, den Kölner Stadtraum. Ob Tischtennisplatten, U-Bahn-Stationen, Parks oder Plätze – Zirkuskünstler*innen und Tänzer*innen bespielen verschiedene Veedel.
Solo mit Stock
»Come closer« meint noch eine weitere Ebene. Das Motto legt den Fokus auf Stücke, bei denen die Zuschauer*innen mittendrin sind. Akteur*innen und Publikum bilden schon mal ein Team. »Die eingeladenen Künstler*innen fordern das Publikum heraus – spielerisch und mit Witz, voller Risikofreude, mal subtil, mal mit vollem Körpereinsatz. Es sind Erfahrungen, die das Gemeinschaftliche feiern und Lust darauf machen, Dinge auf ungewöhnliche Weise miteinander zu teilen«, beschreibt Tim Behren, der künstlerische Leiter und kluge Kopf hinter dem CircusDanceFestival, das Konzept. Konkreter: Das Zuschauen werde zum Beispiel bei der belgischen Compagnie Cirque Barbette zum Balanceakt, wenn das Publikum selbst zum Gegengewicht werde, und bei dem irischen Künstler Darragh Mc Laughlin entwickele sich sein Solo mit Stock zum Verwirrspiel. Oder Diana Gadishs Pappkarton-Performance »Handle with care«. Der Titel ist poetisch doppeldeutig, denn es ist die menschliche Zerbrechlichkeit, die sich im Universum der Kisten mit Eigenleben verbirgt. Der Raum verwandelt sich beiläufig, bis er schließlich das Publikum in das Stück, eine Mischung aus Tanz, Figurentheater und Clownerie, einbezogen hat.
Special Guest ist das französische Akrobat*innen-Ensemble Collectif XY: Mit bis zu 50 Akteur*innen zählt es zu den größten im zeitgenössischen Zirkus Frankreichs. In Köln ist es präsent – neben einer Fotoausstellung und Film-Dokumentation sowie Workshops – mit der Performance »Möbius« als internationalem Highlight an drei Abenden im Kölner Depot. In dem Stück spinnt das Kollektiv ein Netz aus spektakulärer Luftakrobatik in einem Spiel aus Licht und Schatten.
Erstaunlich, dass CircusDance weiterhin unter anderem Bundes- und Landesmittel erhält, während die freie Kulturszene ansonsten beschnitten wird. Was ist das Geheimnis? Tim Behren: »Der zeitgenössische Zirkus ist vielleicht gerade das enfant terrible der Künste: laut, körperlich, unberechenbar – und ziemlich schwer zu ignorieren. Er rüttelt an bekannten Formen und sucht die Nähe zum Publikum. Das hat eine große Kraft, die viele Menschen begeistert.«
Aber das ist es nicht allein. In Köln ist nicht nur ein internationales Festival entstanden. Behren weiter: »Wir begreifen uns als eine Forschungsstätte für das Phänomen Zirkus – das mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland gehört.« Die ersten Jahre hätten er und sein Team sehr viel Zeit in den Aufbau lokaler Partner und internationaler Netzwerke investiert. Der Zirkusexperte: »Das zahlt sich heute aus, hat Synergien geschaffen und spiegelt sich in unserer Bandbreite – mit Publikationen, Konferenzen, Europa-Projekten, Hochschul-Kooperationen, aber auch lokalen Partnerschaften wie mit Tanz Köln, dem Sommerblutfestival oder dem Deutschen Tanzarchiv. Diesen Deep Dive hat nicht jedes Festival zu bieten.«
16. BIS 31. MAI
LATIBUL-GELÄNDE UND IM GESAMTEN KÖLNER STADTRAUM



