Zum 150. Geburtstag erfüllt die Photographische Sammlung Köln ihrer Lichtgestalt August Sander posthum einen lang gehegten Wunsch – und beschenkt damit auch das Publikum: mit neuen Perspektiven auf den berühmten Porträtisten.
»August Sander – zum 150. Geburtstag« ist der unprätentiöse Titel der Schau, unter dem die Photographische Sammlung Köln das vielseitige Werk des 1964 verstorbenen Weltkünstlers in allen ihr im Mediapark zur Verfügung stehenden Räumen präsentiert. So groß und vor allem thematisch breit wurde Sanders Werk lange nicht, vermutlich noch nie ausgestellt, sagt Kuratorin Claudia Schubert.
Zu erleben ist natürlich der große Porträtkünstler und Physiognomiker, berühmt durch sein Opus Magnum »Menschen des 20. Jahrhunderts«. Kennenlernen kann man aber auch: Den akribisch arbeitenden Dokumentaristen, der Aufnahmen von Krokus und Königskerze ebenso sorgfältig komponiert wie den Drachenfels oder das Kölner Häusermeer. Den Foto-Theoretiker, der im Rundfunk über Fotografie doziert, und den Praktiker, der im Kölner Karneval lieber sein mobiles Atelier aufbaut, anstatt mitzufeiern. Den talentierten Maler, dessen Porträt seiner Eltern von einem geübten Umgang mit Licht und Schatten zeugt. Den Kartografen, der jede Ecke seiner Wohnung und seines Ateliers in der Dürener Straße abbildet. Und der genau dabei unerwartet aus der selbstgewählten Rolle des sachlich-strengen Dokumentars fällt.
Montage zum Beweis seiner Kunstfertigkeit
Die Dürener Straße in Köln-Lindenthal war (nicht nur) zu Sanders eiten ein belebter Ort: Unter einer prächtig blühenden Kastanie flaniert eine elegante Dame an einem Bettler vorbei, der ihr mit gesenktem Kopf seinen Hut entgegenstreckt. Ein Automobil hält an, ein Kind wartet an der Ecke. In der Flucht des hochkant aufgenommenen Fotos: Ein Wohn- und Geschäftshaus, über dessen Ladenlokal das Werbeschild »Lichtbildwerkstatt August Sander« prangt. Dieses Geschäft scheint die Menschen magnetisch anzuziehen. Das Problem an der Szene aus dem Jahr 1940: An ihr stimmt fast nichts, wie das Negativ beweist.
Es ist ein ganz besonderes Bild – das einzige in der Ausstellung mit rund 380 Aufnahmen, bei dem sich der Fotograf dazu hatte verleiten lassen, die Realität mittels Montage nachträglich zu optimieren. Das Bild gehört zur Mappe »Die Werkstatt des Photographen im 20. Jahrhundert« und zeugt von den (damaligen) Möglichkeiten der Fotografie, die Sander hier, vermutlich augenzwinkernd, zum Beweis seiner Kunstfertigkeit anwendet.
Die Montage hängt in der Ausstellung neben anderen Aufnahmen, die einen spannenden Einblick in die Privat- und Atelierräume der Familie Sander in den 1930er und 1940er Jahren bieten. Noch lebendiger wird der Eindruck durch Möbel aus dem ehemaligen Empfangszimmer der Sanders, die im Original ausgestellt sind: ein Tisch, ein Sofa, eine Standuhr, sogar das repräsentative Bleiglasfenster aus der Zimmertür: Das farbige Glas zeigt eine stilisierte Kamera auf einem Stativ, eingearbeitet sind die Porträts von zwei Wegbereitern der Fotografie, Joseph Niépce und Louis Daguerre. Damit stellte sich Sander durchaus (selbst)bewusst in die Tradition der ganz Großen.
Direkt gegenüber in der Ausstellung befindet sich eine Hörstation, an der August Sander im O-Ton (wenn auch nicht im Original, sondern neu eingesprochen) zu hören ist. Zu verdanken ist er dem WDR, der Sander auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1931 eingeladen hatte, in sieben Radiovorträgen à 25 Minuten über »das Wesen und Werden der Fotografie« zu referieren. Und da spricht er über Niépce und Daguerre, aber auch über Rolle und Relevanz seines Mediums. Mit der Fotografie »sind wir in der Lage, die Wahrheit zu sagen, aber auch Lügen zu verbreiten«, warnt er, und spricht hellsichtig von »Licht- und Schattenseiten« der Fotografie. Sie verfüge »über die gefährlichsten Möglichkeiten zur Täuschung«. Neun Jahre später dann wird er diese Möglichkeiten mit seiner Atelier-Montage selbst ausprobieren. Kein Wunder, dass er früh zum Verfechter der Medienkompetenz-Vermittlung wurde: Die »Photographie als Weltsprache« gehöre als Lehrfach in den Schulen, fordert Sander.

Die Fotografie als Weltsprache – was damit gemeint ist, erklärt er nicht nur mit Worten. Ein Großteil seines Werks spricht in dieser Sprache. Dass es Sander gelingt, mit seinen Porträts von »Menschen des 20. Jahrhunderts« eine universelle, überzeitliche Wahrheit auszudrücken, wurde vielfach beschrieben. In der Ausstellung kann man unter anderem anhand dreier Porträts aus der Mappe »Studenten« der Gruppe »Die Stände« noch einmal nachvollziehen, wie er als analytischer Archivar des Menschlichen arbeitet, wie er systematisiert und kategorisiert. Das Porträt der selbstbewusst und klar blickenden »Medizinstudentin« hängt neben einer Gruppe von »Werkstudenten«, die forsch und fast trotzig in die Zukunft schauen, während sich der uniformierte »Korpsstudent« im Profil stolz als Mitglied einer Verbindung präsentiert.
Doch Sanders Blick für das Typische und die Gabe, mit dokumentarischen Bildern etwas über den dokumentierten Gegenstand hinaus zu erzählen, zeigt sich auch in seiner Landschaftsfotografie – etwa in der Serie »Köln zur Winterzeit« von 1938, in der der Schnee drückend wie Blei auf der Stadt zu liegen scheint. In der Abteilung »Studien, der Mensch« sind es seine Handstudien, die pars pro toto für Milieus oder Berufe stehen.
Während die Ausstellung das Geschenk an uns Heutige ist, erfüllt der begleitende, bei Schirmer/Mosel erschienene Katalog einen schriftlich überlieferten Wunsch des Fotokünstlers: Sander wollte seine Radiovorträge gemeinsam mit den Bildern aus der Mappe »Lichtbildwerkstatt August Sander, Köln-Lindenthal« publizieren. Ganz besonders ist dabei nicht nur das erste Bild aus dem Konvolut aus 71 Aufnahmen, die Montage der Dürener Straße, sondern auch das letzte. Es zeigt den Fotografen im Anzug am Schreibtisch sitzend, umgeben von Bücherregal, Foto-Schachteln, Kunstobjekten, einem Saiteninstrument – doch der Schreibtisch steht im Luftschutzkeller, über Sander wölbt sich niedrig die weiß getünchte Bunkerwand. In diesem Keller hat der Fotograf sein Archiv versucht über den Krieg zu retten – zwei Drittel wurden dennoch zerstört.
Was erhalten blieb, ist mehr als ausreichend für eine Zeitreise ins ausgehende 19. und in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit Sander geht es in seine Heimat, den Westerwald, und zu den malerischen Städtchen am Mittelrhein, ins Siegerland und Siebengebirge, in die Eifel, nach Sardinien – und hinein in den Kölner Karneval, wo Sander die jecke Freude an Rollenwechseln in Gruppenporträts festhält. Nach dem Krieg dokumentiert er die Zerstörungen im zerbombten Köln. Immer sind es entweder die Menschen, ihr Wirken oder die Auswirkungen ihres Wirkens, die ihn interessieren – doch dann steht man in der Ausstellung vor dem kleinen Kapitel »Botanik«. Es zeigt Nahaufnahmen von Pflanzen in ihrem Habitat. Doch auch das hat System: Sander ist eben immer für eine Überraschung gut.
»AUGUST SANDER – ZUM 150. GEBURTSTAG« IN DER PHOTOGRAPHISCHEN
SAMMLUNG/SK STIFTUNG KÖLN
BIS 24. JANUAR 2027






