Taugen Fotos als Beweise für etwas? Nur bedingt. Der Meinung ist auch die Internationale Photoszene Köln, die einen interessanten »Kongress des Nichtwissens« organisiert – über Leerstellen in der Fotografie. Offen für alle, die mitdenken wollen.
»Pics or it didn’t happen« – nur wenn es ein Bild davon gibt, hat es auch stattgefunden, so hieß es früher im Internet. Eine Forderung, die man heute so gut wie gar nicht mehr liest. Denn Bilddateien können inzwischen so einfach erstellt werden, per Sprachbefehl mit Künstlicher Intelligenz, das ein (zu) gutes Bild eher Miss- als Vertrauen weckt. »Wir sind von Bildern umgeben und gleichzeitig wird es immer schwieriger zu wissen, was wir sehen – genau da setzen wir an«, meint Lucia Halder. Die wissenschaftliche Referentin für Fotografie am Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum bringt mit dem Team der Photoszene Köln vom 22. bis 25. Oktober einen Kongress an den Start, der sich gerade mit dem Nicht-Wissen beschäftigen will. Dabei sei das Thema an sich natürlich viel älter als KI. »Fotografien sind immer schon Konstruktionen«.
»Das Thema des Nicht-Wissens kennt keine Disziplinen: Jeder kann sich damit beschäftigen, von den Fragen, die ein Kind stellt, bis hin zur Philosophie und der Erkenntnistheorie«, sagt die Historikerin Miriam Zlobinski, die Fotogeschichte lehrt, als freie Kuratorin arbeitet und den Kongress mitorganisiert. Die Breite des Themas wird in vier Kapitel aufgefächert, los geht es mit »Perception«, einem Panel zur menschlichen Wahrnehmung. Über den gesamten Kongress hinweg sollen sich verschiedene Disziplinen, wissenschaftliche Analysen und die fotografisch-künstlerische Praxis miteinander verzahnen, diese bekommt aber besonders im zweiten Kapitel ihren Raum: »Practices« behandelt künstlerische und forschende Verfahren und stellt auch die Frage, ob Fotografie Wissen erzeugt oder ob ihre besondere Kraft gerade darin liegt, Unsicherheit, Ambivalenz und Nichtverfügbarkeit sichtbar zu machen. Dies wird in einem Panel und vier Workshops vertieft, in denen unter anderem Studierende Lehrenden etwas beibringen und so die Wissenshierarchien umkehren.
Vergangenheit und Zukunft
Ein weiterer Workshop behandelt Wissenslücken in Archiven: Was sagen uns Fotos, wenn wir kaum etwas über die Hintergründe zum Bild wissen? Anknüpfend an das »Artists meets Archive«-Programm des Photoszene-Festivals ist dem Thema Archive auch ein eigenes Kapitel gewidmet. Unter dem Schlagwort »Traces«, also Spuren, soll es einerseits um Leerstellen in den Wissensspeichern gehen, die auch durch eine einseitige Kanonbildung entstanden sind. Andererseits wird auch die Beweiskraft von Archivfotos Thema, wie sie der Künstler Lasse Branding in seinem Projekt zu Prozessen am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien aufarbeitet.
Von der Vergangenheit geht es in »Potentials«, dem letzten Kapitel des Kongresses, in Gegenwart und Zukunft – und löst sich von der menschlichen Wissensdominanz. Was Pflanzen und Tiere wissen, wird genauso behandelt, wie die Frage, aus welchem Wissen Maschinen schöpfen, wenn sie Bilder erzeugen. Auch wenn über diesem letzten Kapitel ein Fragezeichen beim Blick in die Zukunft schwebt, möchten die beiden Organisatorinnen Nichtwissen keinesfalls als Mangel verstanden wissen, nicht ausschließlich als etwas, das überwunden werden muss, sondern als Möglichkeit der Offenheit für andere Perspektiven und als Ausgangspunkt für künstlerische Forschung. Lucia Halder: »Manchmal beginnt Erkenntnis genau dann, wenn wir zugeben, dass wir etwas nicht wissen.«
»NOT KNOWING — PHOTOGRAPHY AND THE UNKNOWN«
22. BIS 25. OKTOBER 2026
ORANGERIE-THEATER, KÖLN





