Oswald Mathias Ungers wäre am 12. Juli 100 geworden. Der Kölner Architekt hatte mit seinen kompromisslosen Bauten oft polarisiert und wurde immer wieder dafür kritisiert, nur Quadrate zu bauen. Eine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst in Köln hilft nun, seine Idee von Architektur besser zu verstehen.
Wer kommt auf eine solche Idee? Einen nun mal runden Globus in einen eckigen Schrank einzulassen? Nur noch halb schaut er aus dem würfelförmigen Oberteil des stelenartigen schwarzen Schranks hervor. »Das ist eine vitruvianische Form«, erklärt Sophia Ungers, »das Runde im Quadrat. Das ist ein Klassiker«. Ihr Vater hat dieses Möbelstück für sein Schlafzimmer entworfen. Und es zeigt, wie der 2007 verstorbene Oswald Mathias Ungers seine Entwürfe entwickelte: Sie bezogen sich oft auf die römische Bautheorie. Intensiv hatte sich ihr Vater mit der Geschichte der Architektur seit der Antike beschäftigt.
Das ungewöhnliche Möbelstück steht nun in der Ausstellung »Architektur als Idee« im Museum für Angewandte Kunst Köln, kuratiert wurde sie von Ungers’ Tochter Sophia und Anja Sieber-Albers, die seit 1990 für ihn arbeitete. Beide sind auch im Vorstand der Stiftung Ungers Archiv für Architekturwissenschaft, die den Nachlass bewahrt, aber auch einen Architekturdiskurs anregen möchte. Einen Schwerpunkt der Schau mit Plänen, Zeichnungen, Modellen und vielen Fotos bilden die drei Häuser, die Ungers für sich selbst baute. »Sie sind für ihn immer ein Labor gewesen, auch Manifeste, das Verwirklichen seiner Gedanken«, sagt Sophia Ungers über die Auswahl. Besonders deutlich wird dies am letzten der Privathäuser, dem »Haus ohne Eigenschaften«, das O. M. Ungers 1996 für seine Frau und sich in Köln Müngersdorf bauen ließ. »Das war sein Experiment. Da konnte er an Grenzen gehen, an die man beim Bauherrn nicht gehen kann«, erzählt seine Tochter.
Pure Räume
Das kompromisslose Experiment hat keinen definierten Eingang, vorne und hinten ist es gleich, es hat keinen Dachabschluss und ganz regelmäßige, flach in die Fassade eingefügte Fenster. Die Innenwände sind alle doppelt ausgeführt, in ihnen verbirgt sich, was notwendig ist, damit die Räume pur bleiben können und nichts die Geometrie der – natürlich selbst entworfenen – Möbel stört. An den Wänden brachte er hauchzarte historische Proportionslehren an. Auf ihnen beruht der Entwurf.
In der Ausstellung wird Sophia Ungers plötzlich von der Tochter des früheren Gärtners ihres Vaters angesprochen. Und sie liefert gleich einen Eindruck davon, wie streng er in gestalterischen Dingen doch war: Ihr Vater habe immer erzählt, wie exakt O. M. Ungers‘ Hecke geschnitten werden müsse, auch da hatte er genaue Vorstellungen. Das »Haus ohne Eigenschaften« steht ganz nah am ersten Wohnhaus der Familie, das Haus Belvederestraße aus dem Jahr 1959. Es war der Durchbruch für den noch ganz jungen O. M. Ungers – und wirkt so ganz anders als sein Spätwerk. Skulptural spielt der Sichtbeton- und Ziegelbau mit den Formen und setzt einen Kontrapunkt zu den Häusern nebenan – nimmt sie aber dennoch auf. Heute wird es von der Stiftung Ungers Archiv genutzt, früher war hier auch das Büro des Architekten untergebracht, sowie die legendäre Bibliothek mit rund 12.000, teils raren Werken im 1990 hinzugefügten Bibliothekskubus. Natürlich mit Büchern über Architektur.
»Es ging immer und überall um Architektur, bei den Büchern, in seiner Kunstsammlung«, beschreibt Anja Sieber-Albers, wie ihr Chef um sein Lebensthema kreiste. Die anderen Entwürfe in der Ausstellung stehen stellvertretend für Bauten, die Ungers für Auftraggeber entwarf, wo er aber ähnlich kompromisslos wie in seinen eigenen Häusern seine Idee von Architektur als Gesamtkunstwerk verwirklichen konnte. Heraus sticht die Residenz des Deutschen Botschafters in Washingon D.C. – schon aufgrund der Fotos an der Wand, die ein auf einem Hügel thronendes, imposantes Gebäude mit einer gewaltigen Säulenreihe zeigt, die an die Antebellum Homes der Südstaaten in den USA erinnern sollen. In ihm versammelt sich alles, was Rang und Namen hat in der bildenden Kunst Deutschlands, denn zum Gesamtkunstwerk Architektur gehörte für Ungers auch immer die Kunst. Von Anfang an mitgeplant, nicht etwa als »Kunst am Bau« nachträglich hinzugefügt. Gerhard Merz, Christa Näher, sein eigener Sohn Simon Ungers oder Rosemarie Trockel schufen Werke für die Residenz, genauso wie Markus Lüpertz: Zwölf quadratische Portraits bilden einen Fries in der Empfangshalle. Da ist es wieder, das Quadrat.
Das Raster, auf dem alle seine Gebäude beruhen, ist hier aber auch woanders deutlich sichtbar: als schwarz umrandete Quadrate auf dem Fußboden, die von ihm entworfenen Sessel stehen daran ausgerichtet. »Das Raster ist architektonische Tradition, und die hat er weitergeführt und seine Gebäude immer auf einem Raster aufgebaut«, so Sophia Ungers. Mit einer Idee an die Architektur heranzugehen, nicht etwa der Funktion alles unterzuordnen, habe er auch immer seinen Studenten vermittelt. Wer die Idee der Architektur von Oswald Mathias Ungers aber wirklich verstehen möchte, sollte sich in der Ausstellung eine Führung gönnen, denn außer einem schmalen Faltblatt gibt es kaum Informationen. Sonst bleibt es womöglich, das Vorurteil, dass ihm nur eines wichtig war: das Quadrat.
»O.M. UNGERS – ARCHITEKTUR ALS IDEE«
BIS 27. SEPTEMBER






