Frieda Lange gewann 2025 den Mortier Next Generation Award der Ruhrtriennale. Jetzt wird ihr Musiktheaterstück »Stahlgipfel« am Schauspiel Essen uraufgeführt. Es nimmt uns mit in die letzte verbliebene Kneipe nach dem Verlust von Arbeit, Sicherheit und Gemeinschaft.
Auf der Bühne ist’s urig, als könnte man den alten Muff noch riechen: braune Holzvertäfelung, Barhocker und Neonlicht, Teppichläufer, Wellblechwand und Cola-Automat. Es sind Fragmente einer typischen Kneipe, die Bühnenbildner Emil Borgeest zusammengetragen hat. Eine Kneipe, wie sie heute nur noch selten zu finden ist. Und genau darum geht es Frieda Lange in ihrem Musiktheaterstück »Stahlgipfel«: um das, was bleibt und was verlorengeht, wenn ein Zukunftsversprechen in sich zusammenfällt. Was bedeutet das Ende von Arbeit, Sicherheit und Prestige für eine Gesellschaft? Und was bedeutet es für die Kultur, die damit zusammenhängt? Für die Vereine, die Chöre, die Kneipen als Treffpunkte? Diese Fragen hat sich die Regisseurin und Autorin gestellt, als sie ihren Projektentwurf entwickelt und für den Mortier Next Generation Award der Ruhrtriennale eingereicht hat. Sie war erfolgreich mit ihrem Konzept. Jetzt wird ihr postdokumentarisches Musiktheaterstück als Koproduktion mit der Ruhrtriennale am Schauspiel Essen uraufgeführt.
»Postdokumentarisch« sei es, weil sie einen dokumentarischen Ansatz verfolgt, den sie dann künstlerisch bearbeitet, erklärt die 30-Jährige im Gespräch, auch ohne konkrete Nachfrage. Es ist die letzte Woche vor der Sommerpause, Endprobenzeit für »Stahlgipfel«, früh am Morgen noch vor der Vormittagsprobe. Lange hat wenig geschlafen, wirkt aber äußerst klar und konzentriert. Jeder Satz ist wohlformuliert und bedeutungsvoll, ohne viel Schnickschnack. Sie erzählt zum Beispiel von ihrem Kinderzimmer in Freital bei Dresden, aus dessen Fenster sie auf ein Stahlwerk geschaut hat. In einer Region, die vom Bergbau dominiert war. Eine Region, die auch große Versprechen kannte. Und deren Verlust.
Interviews mit Stahl- und Bergbauarbeitern
Sie erzählt auch von einer Sinnkrise während der Arbeit. Und wie ein Spaziergang im Dunkeln in Gelsenkirchen mit ihrer Kollegin und Videokünstlerin Cora Durmann ihr da wieder rausgeholfen hat. Sie stießen auf der Wilden Insel nahe der Emscher auf das Kunstwerk »Monument for a Forgotten Future« von Olaf Nicolai und Douglas Gordon. Ein Kunstfelsen, aus dem Geräusche, Musik erklingen verweist auf Abwesendes und macht den Weg von einer Industrie- zur Kulturlandschaft sicht- und hörbar. »Das hat mir viel gegeben«, sagt Lange, »und das hat sich eingegraben ins Stück«.
Für »Stahlgipfel« hat die Theatermacherin Interviews mit Stahlarbeitern und ehemaligen Bergbauarbeitern geführt, mit Menschen, die von der Opelwerk-Schließung betroffen waren, mit Schlecker-Verkäuferinnen und ehemaligen Nokia-Mitarbeitenden. Sie hat über das Organisieren von Gewerkschaften recherchiert und darüber, warum diese an Bedeutung verloren haben. Daraus hat sie ein Stück erarbeitet, das über die Bedeutung von Arbeit und über die Zukunft des Ruhrgebiets nachdenkt.
Vier Figuren harren in einer letzten Kneipe aus. »In eine Kneipe geht man hinein, weil die Straße zu lang geworden ist oder das Schweigen in den eigenen vier Wänden zu groß. Hier muss man nicht rechtfertigen, woher man kommt oder wohin das Leben einen treibt.« So heißt es im Stück. Die vier sind eine Schicksalsgemeinschaft, ohne eng befreundet zu sein. Gemeinsam besetzen sie einen Ort, sind politische Kämpfer*innen. Sie sind keine konkreten Sprachrohre der ehemaligen Arbeiter*innen, sie haben Widersprüche und vereinen verschiedene Perspektiven.
Die vier bringen uns eine Zeit zurück, erzählen von Arbeit und Anstrengung, von Streiks und vom Familienleben. Und von Frikadellen als sozialem Zement. Sie sind Bewahrende. Unveränderlichkeit ist ihr Schutz. »Es kommt nichts Neues mehr, und daran sind wir gewöhnt«, sagt einer. Ein Leben im Dauerzustand. Und dann gibt es den Touristen, der in diese Kneipe kommt, der eigentlich zum Bergwerk tauchen wollte und dort nun einen Escape-Room vermutet. Poetische und komische Momente verbinden sich da.
Wenn Musik Welt erzählt
Es spielen Bettina Engelhardt, Ronald Radusch González, Philipp Noack, Silvia Weiskopf und Pablo Alvarado. Als »extremes Ensemblestück« beschreibt Lange das Werk. Die Schauspielenden haben die Figuren geformt. »Form ist mir wichtig«, beschreibt die Regisseurin ihre Arbeitsweise, aber diese Form werde von den Schauspielenden immer (mit)erfunden. Auf der Bühne steht außerdem der bekannte Ruhrkohle-Chor. Und drei Live-Musiker*innen spielen Klavier, Geige und Cello. »Die Musik ist genauso wichtig wie der Text, um Welt zu erzählen«, sagt Frieda Lange, die Musiktheaterregie an der Theaterakademie Hamburg studiert und außerdem mehrere Projekt- und Theaterchöre geleitet hat.
Die Musik unter der Leitung von Joosten Ellée startet bei romantischen Trios von Brahms oder Schumann – »diese aufgeladene deutsche Musik«, die erzähle, dass damals alles gut war. Aber diese Musik werde nur angespielt und zersetze sich dann immer mehr: »Die musikalischen Stücke verlieren ihre Töne, die Musik fällt auseinander«. Und sie reicht bis zu elektronischen Neukompositionen. »Joosten spielt mit Wagner-Opern, mit Tonhöhen und Verzerrungen. Das hat auch etwas Unheimliches und erinnert an die Geräusche unter Tage«, erzählt Lange.
Diese Musik ist während der Träume zu hören, die im Stück die vier Tage voneinander trennen. Träume, in denen die Videos von Cora Durmann zu sehen sein werden. Sie zeigen verschiedene Orte des Ruhrgebiets – Museen, alte Zechensiedlungen, Industrieorte, Städte, Friedhöfe, Kneipen. Oder auch eine Wohnstraße in Duisburg-Marxloh, an deren Ende eine Fabrik steht. Lange ist mit der Videokünstlerin auch an diesem Ort gewesen. »Da habe ich mich gefühlt wie in einem Kinderbuch, in dem die Welt so zugespitzt dargestellt wird. Ich wusste vorher nicht von solchen Orten.« Bilder und Stimmen als Echo einer (vergangenen) Arbeitswelt. »Stahlgipfel« bringt sie auf die Theaterbühne.
»STAHLGIPFEL«, SCHAUSPIEL ESSEN
URAUFFÜHRUNG: 25. SEPTEMBER
WEITERE TERMINE: 26. UND 30. SEPTEMBER, 29. OKTOBER






