Zum 100. Geburtstag der Dichterin: Sandra Hüller spielt Ingeborg Bachmann in Regina Schillings gradiosem Film »Jemand, der einmal ich war« – unser Film des Monats.
Dieser Blick! Er sagt: Ich bin meiner gewiss. Ich habe Euch durchschaut. Mir könnt Ihr nicht imponieren. Der Sandra-Hüller-Blick, gerade heraus, freundlich, belustigt, furchtlos, offen, wenn sie denn den Entschluss dazu fasst. Das weite Bachmann-Lächeln korrespondiert mit diesem Blick und seinem Gehalt. Dass die Regisseurin Regina Schilling diese Wahl für ihren Film über Ingeborg Bachmann getroffen hat, kostet uns keine Sekunde Überlegung. Wer sonst? Die Souveränität, die alle Schwächen und Schmerzen zu überwinden scheint, ist der Nukleus für Bachmann und für ihr Medium Hüller.
Schilling wurde bekannt durch ihre Dokumentation »Kulenkampffs Schuhe« (2018). Darin deutet sie die Showmaster Peter Alexander, Hans-Joachim Kulenkampff und Hans Rosenthal aus ihrer Zeit. Sie lässt deren unterschiedliche Vergangenheit während der NS-Zeit – und wie diese ihr späteres Leben prägt und zum Spiegel bundesrepublikanischer Mentalität gerät – zu Tage treten und deckt freudianisch Verborgenes und Unbewusstes auf. Darauf folgte 2022 das Porträt über Igor Levit, »No Fear«.
Das Anschlagen der Schreibmaschine
Die Wunde des von Hitler verübten Menschheitsverbrechens und Schuldigwerdens der Deutschen / Österreicher blutet auch in das Werk der in der Provinz Klagenfurt geborenen Bachmann ein. Eine von Spuk freie, lebhafte Geisterbeschwörung. Das Anschlagen der Schreibmaschine und das klingelnde Geräusch des Wagens, wenn er die Zeile wechselt – wir hatten es beinahe vergessen –, kommt zu Gehör: als Signal, Aufforderung und Grundton für die Filmbiografie der Dichterin Ingeborg Bachmann. Ja, der Dichterin, nicht (nur) der Schriftstellerin. Was sie schrieb, war Poesie, immer. In der Frist zwischen ihrer Geburt 1926 und dem Tod in Rom 1973 wurde sie selbst zu einer ins Lyrische gehobenen Gestalt. Der Titel des Films: »Jemand, der einmal ich war«, nimmt dieses Befremdungs- oder Entfremdungsverhältnis auf. Denn man würde den Satz fortsetzen mit: »und es nicht mehr bin« oder aber mit: »und es doch immer noch bin«.
Die Bachmann, das ist Orpheus und Eurydike in ein- und derselben Person. Da sind die Gedichtbände »Die gestundete Zeit« und »Anrufung des Großen Bären«, die Erzählung »Das dreißigste Jahr«, die Preisrede »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« und der unvollendet gebliebene Roman-Zyklus der »Todesarten«, von dem einzig »Malina« existiert mit seinem aufrührerischen, anklagenden, wie scharf abgetrennten knappen Schluss-Satz: »Es war Mord«, nachdem das namenlose weibliche Ich der Geschichte in die Wand eingegangen, aus der Welt verschwunden, zum Verstummen gebracht ist.
Mit dem Zitat vom »Sprung in der Wand« beginnt der Film – zugleich mit der tastenden Annäherung von Regisseurin, Darstellerin, Dichterin, wie sie sich in einer angemieteten Wohnung in Wien umschauen und sich in die Tage in Rom einfühlen wird. Es geht in Bachmanns inneres Exil mit Krankheit und der Abhängigkeit von Alkohol, Tabletten und Zigaretten, während Hüller auf einem Balkon im Bademantel einfach sitzt, sinnt, sich bewegt. In einer Filmszene hängt »Neuer Mädchenmord in Wien«, ausgerissen aus einer Zeitung, als Schlagzeile an der Pin-Wand. So fügen sich Korrespondenzen, An- und Ausdeutungen, Assoziationen zusammen.
Die Tochter eines Lehrers und NSDAP-Mitglieds, das Kriegskind, die Rilke- und Baudelaire-Leserin, sie ist die Zarte, Mondäne, kühn Moderne, Umworbene, Überlegene, Getriebene, Verwundete, Hoffnungslose. Beinahe einzige Frau unter Männern (»ich kann bloß unter Männern atmen«): Kollegen, Kritiker, die Gruppe 47, deren Preisträgerin sie wird, die Gefährtin von Paul Celan, Max Frisch, Hans Werner Henze mit ihren Opfergängen der Liebe. Hüller spricht Bachmann: »Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nicht, wenn ich nicht schreibe.« Ein Lebens- und ein Todesurteil. Das lässt sich nicht auflösen, nur stehen lassen.
Bachmann & Hüller – Schilling verwandelt das in eine fließende Bewegung. Die Eine beginnt mit einem Satz, einer Geste, einer Handlung in einer Situation drinnen oder draußen, einem Auftritt oder Interview. Die Andere setzt es fort. Nicht als platte Nachstellung, eher als Umstellung und Neuordnung. Keine Ähnlichkeits-Verdoppelung der beiden Frauen (als käme es darauf an) – die Differenz bleibt und wird sichtbar gemacht. Aber es gibt Austausch, Kommentar, Ergänzung, Übertragung. Schillings Recherche und Montage aus dem Archivmaterial mit Fotos, Filmen, Gesprächen, Rezitationen, Musik sowie die fiktionale Spielebene schaffen einen in aller Bescheidenheit luziden Transformationsprozess. Bachmann und Hüller verkörpern die »Trotzmacht des Geistes«, wie es ihr österreichischer Landsmann, der Psychiater Viktor Frankl, nennt. »Es kommen härtere Tage« – und in diesem Film zwei weichere Stunden.
Schönster Feminismus
Und Hüller? Erst kürzlich hat ihr neuester Coup Weltpremiere in Cannes gefeiert – im schwarz-weiß gedrehten „Vaterland“ spielt sie Thomas Manns Tochter Erika, die mit dem Schriftsteller ins Nachkriegsdeutschland zurückkehrt. Und nicht zuletzt stilistisch war ihr Auftritt dort furios: Als Romy Schneider sich 1957 aus ihrem süßlich-klebrigen Sissy-Image nach Frankreich flüchtete, befreite sie sich nicht nur zu der großen Schauspiel-Künstlerin, sie verwandelte sich auch äußerlich. Fotos zeigen sie im Atelier von Coco Chanel, wie sie sich eines der berühmten Kostüme von »Mademoiselle« mit dazu gehörendem Pillbox-Hut anpassen lässt. Sandra Hüller hat ein Menschenalter später solche Fluchtbewegung nicht nötig.
Aber auch sie scheint Chanel zu favorisieren: Im Februar während der Berlinale für »Rose« trug sie ein raffiniert fransiges Chanel-Jackett in den Farben der Trikolore. Als sie nun Pawel Pawlikowskis »Vaterland« in Cannes vorstellte, erschien sie glamourös im schwarz-weißen Chanel-Kleid mit Schleppe und einer voluminösen Federjacke aus ebenfalls schwarz-weiß gefärbten Gänsefedern. Bei den Oscars 2024 war es eine körperbetonte schwarze Robe aus Stretch-Samt mit spektakulär riesiger Schleife als Dekolleté vom Pariser Haus Schiaparelli. Die Souveränität, mit der sie sich in der Theaterwelt von Jena und Leipzig über Basel, Berlin und Bochum bis nach Zürich und Halle bewegt und die ihresgleichen suchende internationale Filmkarriere steuert, zeigt sich ebenso in ihrem Stilbewusstsein. Coco Chanel, Elsa Schiaparelli, Sandra Hüller – schöner kann Feminismus nicht sein. *****
»Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war«, Regie: Regina Schilling, D / Ö 2026, 98 Min., Start: 25. Juni






