Ebenso derb wie komisch führt uns der Autor Denis Pfabe zwischen Bohrmaschinen und Balkonmöbeln, Glühbirnen und Gartenlauben durch den Mikrokosmos Baumarkt. In seinem atmosphärischen Roman liegen Alltag und Skurrilität nah beieinander.
Erfolgreiche Fernsehserien wie »Die Discounter« haben es gezeigt: Originelle Geschichten finden sich überall und können mit dem richtigen Witz vor allem im Alltäglichen gefunden werden. Und so schaut der Bonner Schriftsteller Denis Pfabe in »Die Möglichkeit einer Ordnung« dahin, wo Heimhandwerker Herzklopfen kriegen: in den Baumarkt. In diesem Erzählmilieu kennt sich Pfabe bestens aus. Der gelernte Kaufmann im Einzelhandel fuhr selbst jahrelang mit dem Gabelstapler durch Baumärkte und lässt uns jetzt an seiner Expertise teilhaben.
Hier, im Backstage des Baumarkts, in verqualmten Raucherräumen und zwischen porösen Regalfächern, finden wir sie: die perfekten Antihelden. Schlöte, Klotz und Möller heißen sie, Thorsten, Olaf oder Bobby. Kettenrauchende Möchtegern-Experten, die ihre Schicht jeden Tag mit dem gleichen Mindset antreten: Hauptsache überleben.
Eine dieser verschrobenen Figuren ist Levin Watermeyer. Seit vielen Jahren schon arbeitet er im »Baumarkt«, einer Kette, deren Sommermöbelnamen à la »Diana« und »Dorothea« stark an das uns allen bekannte Bauhaus denken lassen. Hier also fristet Watermeyer seine Tage in Anwendung peinlich trainierter Strategien. Ebenso wie das perfekt kuratierte »Zeugs« in seiner Westentasche kennt er die besten Techniken, um jedes Kundengespräch zu umgehen. Irgendwie hat er sich eingerichtet in diesem Dasein ohne Träume, in dem vorwiegend geraucht und Pornomaterial ausgetauscht wird.
Bis die Zentrale in Krefeld schließlich mit einer Veränderung um die Ecke kommt: Ein Drive-Thru nach US-amerikanischem Vorbild soll die Filiale nach vorne bringen. Und mit der Neuerung wird Watermeyer eine neue Kollegin an die Seite gestellt. Dafür, dass Pina eine Frau ist, macht sie sich besser als gedacht, denkt sich Levin Watermeyer. Gut, dass er nicht weiß, was wirklich in ihr steckt. Denn während er in erprobter Manier den Kund*innen aus dem Wege geht, versteckt sich Pina vor der neuen Kassenleitung Gesine – deren Ehemann sie eine Weile lang mit sadistischen Dominaspielchen verführt hat.
Mit Anbruch der gefürchteten »Hauptsaison« wird die Luft im Innern des Baumarkts immer dicker – und das liegt nicht nur an der fehlenden Klimatisierung. Indes fechtet Rolf Trampe seinen Kampf vor der Baumarkttür aus. Der elektroradfahrende Biologe hat auf dem Gelände eine seltene Gelbbauchunke entdeckt und versucht nun mit allen Mitteln, die Bauarbeiten zu verhindern.
Mit »Die Möglichkeit einer Ordnung« schafft Denis Pfabe eine sprachliche Ästhetik des Grauens – zwischen defekten Mikrowellen, Urintasse und pupsenden Unternehmerfrauen erinnert sein Ton bisweilen an den derben Humor eines Heinz Strunk. In der stickigen Hitze der Warenfläche erzählt der Autor mit Sinn fürs Detail von Existenzen am Rande des Zusammenbruchs. Ihr Männlichkeitsbild steht ihnen genauso im Weg wie die Europaletten im Gang. Es riecht nach Abfluss und schmeckt nach Fertiglasagne in diesem Roman, der keinen Platz für Identifikationsfiguren und Heldengeschichten lässt. Die Dramaturgie des Buches folgt dabei weniger einem Plot als vielmehr der Detailverliebtheit des Autors: Hier sitzt jede Schraube dank der genauen Beobachtungsgabe. Eins ist sicher: Nach diesem Roman traut sich niemand mehr, das Baumarktpersonal um Hilfe zu bitten.
DENIS PFABE: DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG, 336 SEITEN,
ROWOHLT BERLIN, 25 EURO
LESETERMINE:
20. MAI, 19.30 UHR, BUCHHANDLUNG BITTNER, KÖLN
29. MAI, 19.30 UHR, NICOLAIHAUS UNNA
16. JUNI, 18 UHR, ZENTRALBIBLIOTHEK DÜSSELDORF






