»Bruno: Der junge Kreisky« in Österreich
Geschichte ist ein fortwährendes Wechselspiel. Besonders das 20. und 21. Jahrhundert, auch wenn Vorzeiten es bereits übend vorgemacht hatten, kennt das Für und Wider von These und Antithese, Bewegung und Gegenbewegung: von Emanzipation, Aufbruch und Rückfall, von demokratischer Vernunft und Rollback in das Ressentiment und den Autoritarismus, von Restauration und Revolte, gesellschaftlicher Konsolidierung und ihr feindlicher Zerstörungslust.
Nebenan in Österreich hatte sich dieses Spannungsverhältnis historisch in zwei Figuren personalisiert, die die Alpenrepublik parallel über lange Phasen prägten: Bruno Kreisky und Kurt Waldheim hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Waldheim wurde 1986 Bundespräsident (bis 1992), spaltete kontrovers das Land und sorgte mit seiner Wehrmachts-Vergangenheit während der NS-Diktatur nicht nur unter Intellektuellen für Scham, Zorn und Widerstand. Dagegen Kreisky. 1911 in Wien geboren, Jude, Sozialdemokrat und nach dem sogenannten »Anschluss« ins schwedische Exil gezwungen, kehrte er in seine Heimat zurück, wurde Diplomat, Außenminister, Chef der SPÖ und von 1970 bis 1983 Bundeskanzler mit enormem internationalen Einfluss und persönlicher Reputation. Instinkt, Intellekt, Diskursfähigkeit und die Emotion des Politischen zeichneten ihn aus – und verbinden ihn mit Willy Brandt, ebenfalls Sozialdemokrat, Emigrant und in den gleichen Funktionen wie Kreisky ein Neuerer politischen Stils.
Eine Aura von Genie
Der Film von Harald Sicheritz konzentriert sich auf das Werden von »Bruno, dem jungen Kreisky«. Der Sohn aus assimiliertem bildungsbürgerlichen Elternhaus hat es nicht leicht, von den Proletariern mit Schiebermütze für die Sozialistische Arbeiterjugend angenommen und ernst genommen zu werden. Aber »der kleine Lord« macht sich nicht nix daraus, hat gewinnenden Charme, Talent, kann reden und überzeugen. Eine Aura von Genie umweht ihn wie Goethes Werther oder einen Schiller-Jüngling – entsprechend zeigt er sich bei dem Mittzwanziger Nils Arztmann mit ungebärdigem, später dann adrett gescheiteltem blonden Lockenkopf.
Episoden und Zeitbilder: jugendbewegter Idealismus, Natur und Erotik, hitzige Diskussionen, »Organisieren statt Lamentieren«, Vorwärts mit Rot gegen Schwarz und Braun, Klassen- und Straßenkampf im Sinn von Otto Bauers (Johannes Silberschneider) Austromarxismus, Agitieren gegen Hitlers willige Vollstrecker. Das wird in knappen, etwas genrehaft wie für ein Horváth-Drama kolorierten Szenen kurzweilig rhythmisiert und vom bald 70-jährigen Routinier und »Wiener Wunder«-Knaben Harald Sicheritz alles andere als trocken und verbissen inszeniert. Dieser Bruno hat Popstar-credibility und taugt als Antiprogramm für das Österreich von Herbert Kickls FPÖ. In der Nachfolge müsste das deutsche Kino jetzt einen vergleichbaren Stoff bearbeiten: Willy wählen. Auch seine patriotische Story hätte (Leinwand-)Format. ****
»Bruno: Der junge Kreisky«, Regie: Harald Sicheritz, Österreich / D 2026, 116 Min.
Start: 1. Oktober






