Thomas Mann, Erika Mann und das »Vaterland«: Pawel Pawlikowskis meisterhafter Film hat in Cannes den Regie-Preis gewonnen.
Der Tod kommt näher. Vielleicht hatte Thomas Manns Entschluss, die USA sowie die Villa im kalifornischen Pacific Palisades zu verlassen, seit ihm die Politik in der Konfrontation des Kalten Krieges und der antikommunistischen Hysterie der McCarthy-Ära ihm zuwider wurde, auch damit zu tun, dass er in europäischer Erde bestattet sein wollte. Nicht aber in Deutschland, das den Emigranten mied und ihm »Verrat« vorwarf. Aber nahe bei: in der Schweiz, die ihm und den Seinen schon zu Beginn des Exils Obdach gewährt hatte.
Der Nobelpreisträger, der Repräsentant, die Weltautorität Thomas Mann, dessen Existenz schon ins Symbolische gewachsen ist, reist in seinem 74. Lebensjahr mit Tochter Erika, seiner vertrauten Helferin, per Automobil durch das kriegsversehrte, in seinen ethischen Grundfesten verwüstete Deutschland mit dem »Gefühl, als ob es in den Krieg ginge«. 1949 ist das Goethe-Jahr, ganz Deutschland feiert den 200. Geburtstag des Dichters, den Mann sich in seinem Roman »Lotte in Weimar« anverwandelt hat. Soll er, der während der Nazi-Diktatur zur moralischen Instanz und zu Hitlers Widerpart geworden war, zweifach den Goethe-Preis annehmen und Position beziehen? Einmal in Frankfurt am Main, dann in der DDR, die ihn hofiert und sich Prestige erhofft, um in Weimar ebenfalls Goethes zu gedenken. Er nennt die Aufenthalte »Stationen des Kalvarienbergs«.
Geisterbeschwörung
Die Familie Mann ist deutsche Kultur- und Nationalgeschichte. Seit der Publikation seiner Tagebücher wissen wir minutiös Bescheid über Thomas Manns Befinden, Tagesabläufe, physiologische Vorgänge, Idiosynkrasien, Leiden, das Werden des Werks. Der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski erzählt – abgelöst vom rein Faktischen – in einem höheren Sinn authentisch. »Vaterland« ist eine kluge historische Fantasie für die Gegenwart. Und eine Geisterbeschwörung. Der atmosphärisch eindringliche Schwarz-Weiß-Film reflektiert in knappen, prägnanten, zur Essenz verdichteten Szenen: über die Verantwortung des Künstlers, die Welt am Abgrund, eine spannungsvolle Vater-Tochter-Beziehung und Vater-Sohn-Tragödie, persönliche Traumata und ideologische Positionen, über das Politische und Ästhetische, über das Deutsche. Doppelansichten von Ost und West: Hüben swingt es jazzig und prasst schon wieder Wohlleben, drüben singt stramm ein FDJ-Kinderchor; hüben schmeicheln ihm die Wagner-Enkel; drüben applaudiert die sowjetische Besatzungsmacht, während in Buchenwald andere Häftlinge einsitzen.
Hanns Zischler, ein Monument des Neuen Deutschen Films, spielt Thomas Mann mit distinguiertem Bedacht, Sandra Hüller, Kronprinzessin von Europas Kino, Erika Mann in elegischer Kühle. Ihr Zusammenspiel ist ebenso komplex und nuanciert wie es ihre jeweils geschaffenen Charakterporträts sind. Vornehmes Selbstgefühl, tiefe Melancholie und Rollenspiel, ironische Distanz, harsche Ablehnung und beherrschter Zorn über die »Höllenfahrt« Deutschlands wechseln einander ab wie Temperaturstürze.
Der Tod kommt nahe. Die ersten Bilder und Worte gehören wie als Prolog Klaus Mann (August Diehl), der sich am 19. Mai 1949 in Cannes, vom Leben müde, vergiftet. Vater und Schwester erreicht die Nachricht. Gemeinsam hatten Erika und ihr Lieblingsbruder früh als »literarische Twins« die Welt entzückt und sich dann dem antifaschistischen Kampf gewidmet, Klaus sogar als Angehöriger der US-Army. Erika telefoniert mit Mutter Katia über Klaus’ bitteres Sterben: Wie Hüller die Ausnahmesituation in emotionalen Mikro-Verschiebungen zeigt, ist ein Glanzstück. Nicht oft gelingt einem Film, die Grenze zwischen dem, was persönlich und was politisch ist, derart feinsinnig zu ziehen. Am Ende hören Vater und Tochter in einer Kirchenruine auf der Orgel Bachs »Jesus bleibet meine Freude«. Sie und wir setzen uns mit Tränen nieder. *****
»Vaterland«, Regie: Pawel Pawlikowski, Polen / Deutschland / Frankreich / Italien 2026, 85 Min., Start: 3. September






