Was passiert, wenn die Stadtgesellschaft einen Ort sehr viel nutzt, ihn sogar schätzt – die Stadtverwaltung ihn aber abreißen will? Einen solchen Fall gibt es in Bochum: Im sogenannten Bildungs- und Verwaltungszentrum sind die Stadtbücherei und Volkshochschule untergebracht. Auch wenn seine Architektur umstritten ist, will ein Teil der Bürgerschaft es gern als öffentlichen Ort erhalten.
Fast jeder Mensch, der in Bochum lebt oder mal gelebt hat, kennt das Bildungs- und Verwaltungszentrum (BVZ) neben dem Rathaus in der Innenstadt. Es ist seit jeher ein öffentlicher Ort, in dem bis heute Stadtbücherei und Volkshochschule (VHS) untergebracht sind. Ein Ort, an dem sich die Stadtgesellschaft trifft, das sieht man auch am Trubel, der täglich um das Gebäude herum herrscht. Die Stadt will es mittelfristig allerdings verkaufen – am liebsten an einen Investor, der es abreißt und neue Wohnungen und Gewerbeflächen baut. Doch dagegen regt sich Protest.
Die Pläne des Stadtrats haben mit dem Haus des Wissens zu tun, das gegenüber dem Rathaus entsteht und in das neben einer Markthalle auch Stadtbücherei und VHS ziehen sollen. Deshalb steht seit langem zur Debatte, ob und wie das BVZ danach weiter genutzt werden kann. Eine Mehrheit im Stadtrat befand noch im Dezember 2024: Es soll einem Neubau weichen. Nachdem sich aber vermehrt Stimmen melden, die gegen einen Abriss sind und gute Ideen für eine Umnutzung präsentieren, wird das allerdings nicht mehr so offen kommuniziert.
Brutalistischer Stil
Neben Stadtbücherei und VHS, die immer noch im BVZ untergebracht sind, fanden sich im 1980 eröffneten Bau auch lange das Jugendamt oder das Amt für Soziales. Auch der Wahlraum ist hier im Erdgeschoss, in den alle Wahlberechtigten gehen, wenn sie am Wahltag nicht können und die Stimmabgabe schon vorher erledigen wollen. Die meisten Menschen in Bochum würden zum Gebäude wohl sagen: »Nicht schön, aber selten.« Denn an seiner Architektur scheiden sich die Geister. Es ist im brutalistischen Stil gebaut, wirkt wuchtig und grau. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden in der Innenstadt hat es immerhin eine durchgehende und klare Architektur-Sprache und ist als Gesamtensemble mit dem nebenstehenden Rathaus zu sehen. Auch die Pflastersteinwege und -plätze, die es umgeben, passen ins Bild – wie die Kunstwerke »Nasse Augen« von Erich Reusch, die wie kleine Brunnen plätschern, aber keine Fontäne bilden, sondern nasse Kreise in das Pflaster ziehen.
Ende 2024 hatte es einen Ratsbeschluss zur Zukunft des BVZ gegeben, den man – typisch Amtssprache – unterschiedlich interpretieren kann. Die Gruppe »Stadt für alle«, aber auch Oppositionsparteien sehen darin einen Abriss beschlossen, der den Weg frei machen soll für eine Veräußerung des Grundstücks in Erbpacht. Man will einen Investor finden und favorisiert eine kreative Wohnbebauung. Die CDU-Fraktion forderte der Ratsbeschluss zu folgender Mitteilung heraus: »CDU, FDP und UWG: Freie Bürger haben im Bochumer Stadtrat vergeblich darum geworben, dass das BVZ am Rathaus bestehen bleibt. ‚Solange das BVZ steht, werden wir um jeden Kubikmeter Beton kämpfen‘, sagte unser Fraktionschef Karsten Herlitz.«
Viele Argumente sprächen für eine Sanierung des Gebäudes, findet die Opposition, »ein Abriss wäre ein großer Fehler.« Die Parteien wollen es sogar weiter als Verwaltungsstandort erhalten und sehen als Argument dafür die zentrale Lage in der Nähe des Historischen Rathauses: »Kurze Wege sind immer gut für die Bürgerinnen und Bürger.« Auch Rainer Midlaszewski von der Gruppe »Stadt für Alle« setzt sich für den Erhalt ein: »Alle fortschrittlichen Leute aus den Bereichen Architektur und Stadtplanung sagen, man kann nicht mehr abreißen angesichts der Klimakatastrophe. Solche Gebäude gelten als sogenannte graue Energie, die man nutzen muss. Wir sagen: Das BVZ ist ein Common, ein Gemeingut, das gehört der Stadtgesellschaft, es wurde immer gemeinschaftlich genutzt. Der Charakter muss erhalten bleiben. Wohnen in der Innenstadt ist gut, aber es sollte Wohnraum geschaffen werden in einem Preisbereich, den sich nicht nur gut Verdienende leisten können.« Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung fehlten in Bochum rund 25.000 Wohnungen für Familien und Menschen mit geringen Einkommen.
»Stadt für Alle« hat deshalb im Sommer 2025 Aufsehen erregt mit einer performativen »Grundsteinlegung für den Umbau des Bildungs- und Verwaltungszentrums und eine neue gemeinwohlorientierte Nutzung«. Die Gruppe hat sogar einen konkreten Entwurf vorgelegt, wir solch eine Umnutzung aussehen könnte: Der Entwurf des Architekten Lennard Flörke sieht vor, im Gebäude 100 Sozialwohnungen einzurichten und mit öffentlicher Infrastruktur wie einer Kita und einer Kantine zu kombinieren. Zwei Studierende der FH Dortmund präsentierten zudem ein Konzept aus dem Bereich der Health Care für barrierefreies und rollstuhlgerechtes Wohnen. Auch in ihrem Entwurf sind öffentlich nutzbare Flächen vorgesehen sowie ein großzügiger offener Durchgang in den angrenzenden Appolonia-Pfaus-Park. Beide Konzepte würden die ursprüngliche gemeinwohlorientierte Funktion des Gebäudes erhalten.
Wohnungen oder Nutzungsmischung?
Was aber sagt die Stadt Bochum zur Zukunft des BVZ? Charlotte Meitler aus der Pressestelle beantwortete dazu Fragen per Mail, ein Gespräch mit Stadtbaurat Markus Bradtke sei nicht möglich. Auf die Frage, wie Bradtke den Ratsbeschluss zum Thema interpretiere, antwortete sie: »Der Grundsatzbeschluss zum weiteren Vorgehen wurde am 19. Dezember 2024 durch den Rat der Stadt Bochum gefasst. Für den Entwurf zur Wohnbauentwicklung durch die/den Investor*in wird der Rückbau des BVZ, der Turnhalle und des Gesundheitsamtes vorausgesetzt.« Bisher vorliegende Ergebnisse aus Schadstoffuntersuchungen sowie statische Gutachten stünden einer Sanierung und einem Umbau des Bestandsgebäudes allerdings nicht grundsätzlich entgegen.
Die Stadt favorisiert schon seit vielen Jahren Wohnungen am Standort – allerdings scheint man sich auch anderen Ideen zu öffnen: »Das grundsätzliche Ziel der Stadt, eine große innerstädtische Wohnentwicklung am Appolonia-Pfaus-Park durch Investor*innen zu realisieren, sobald die Nutzungen des BVZ und der umgebenden Gebäude in das Haus des Wissens bzw. Haus der Musik umgezogen sind, wurde bereits im Jahr 2017 formuliert. Die bisherigen Planungen schließen jedoch nicht aus, auch einen teilweisen Nutzungsmix, beispielsweise Nahversorgungs- und kulturelle Angebote, mit der Entwicklung des Areals zu realisieren.«
Schon 2017 hatte sich der heute 67-jährige Bochumer Architekt Vincent Forster zu Wort gemeldet, der unter anderem Projektleiter bei der vorbildlichen Sanierung des Zechengeländes Holland in Bochum-Wattenscheid war. In 2025 erneuerte er seinen Aufruf in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Das BVZ sei besser als sein Ruf, sagt er: »Brandschutz, Wärmeisolierung, technischer Zustand: Das alles ist überholt und entspricht nicht mehr den Anforderungen moderner Architektur. Aber deshalb muss nicht das ganze Gebäude abgerissen werden. Es wäre völlig gegen den Verstand, den wir als Planer haben.« Die Substanz sei nämlich außergewöhnlich gut. Anders als etwa bei den Gebäuden der Ruhr-Universität, gebe es so gut wie keine Schadstoffe.
Außergewöhnlich gute Substanz
Nicht nur, dass man auf diese Weise Millionen Euro für den Abriss – und teilweise auch Kosten eines Neubaus von Grund auf sparen würde. Von den alten Fassaden befreit und vom Kern her neu aufgebaut könnte das brutalistische Gebäude »leicht und fast fröhlich« wirken, findet Vincent Forster. Und das zeigen auch die Entwürfe, die Architekten und Studierende für das Netzwerk Stadt für Alle vorgelegt haben.
Die Hoffnung, dass durch die Kommunalwahlen wieder Bewegung in das Thema kommt, hat sich bisher nicht bestätigt. Die Stadt bleibt bei ihren Verkaufsplänen. Laut Radio Bochum heißt es, dass das Gebäude derzeit aber noch nicht angeboten werde. »Es werden noch Untersuchungen seitens der Stadt gemacht, zu den im BVZ verbauten Schadstoffen, zur Statik, zur Tiefgarage darunter, die einen anderen Grundriss hat als das Gebäude.« Auch wolle die Stadt die aktuelle Krise der Baubranche noch abwarten. Gibt es also Zeit für weitere Gespräche und Aktionen, um das Gebäude und den Ort für die Öffentlichkeit zu erhalten? Immerhin schafft die Stadt mit einer mehr als symbolischen Aktion bald erste Fakten: Schon im April soll die Brücke zwischen Rathaus und BVZ abgerissen werden. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung sieht das als Indiz, dass die Bemühungen um den Erhalt des Gebäudes gescheitert sind.






