Seit 20 Jahren gibt es die Theaterfabrik in Düsseldorf, wo improvisiert und inszeniert, ausprobiert, gespielt und gelebt wird.
So ist das nicht gedacht! Irgendwer hat Zeitungen in die Eingangstür geklemmt und die Gäste kommen einfach so herein. Dabei sollten sie klingeln, werden dann an der Tür persönlich begrüßt. Wie bei einer Party bei Freunden eben – nur ist das hier ein Theater. Auch wenn es in einem gewöhnlichen Wohnhaus liegt. Im kleinen Bühnenbetrieb ganz in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs geht es sehr familiär zu, selbst wenn heute gar nicht das eigene Ensemble spielt, sondern die Looters. Aber sie gehören quasi schon zur Familie, das 14. Mal sind sie an diesem Abend zu Gast und geben die musikalische Komödie »Love on Top«.
»Uns ist wichtig, dass wir eine Verbindung zu den Leuten haben«, sagt der Schauspieler und Regisseur Lars Evers, der die Düsseldorfer Theaterfabrik mitgegründet hat. Das war schon früher so, als sie noch im Wohnzimmer von Cornelius Kabus‘ riesiger Altbauwohnung spielten. Und das ging so lange gut, bis immer mehr fremde Menschen kamen, um zuzuschauen. Dann mussten neue Räumlichkeiten her. Im Café »Knülle« hatte Lars Evers einen Aushang gesehen: Es ging um 180 Quadratmeter, die eine WG möglichst schnell loswerden wollte. Ziemlich verwohnt. Die ehemalige Druckerei, die zwischenzeitig als Wohnung umfunktioniert worden war, musste erst einmal ein halbes Jahr lang renoviert werden, aber dann, Anfang 2006, ging der Spielbetrieb los.
»Wir haben einfach gemacht«
»Unser Glück war, dass wir damals nicht groß darüber nachgedacht, sondern das alles einfach gemacht haben«, blickt Lars Evers auf die Anfänge zurück. Um den Betrieb rechtlich und finanziell stärker zu sichern, gründeten sie 2007 einen Verein, öffentlich finanziert wird die Theaterfabrik bis heute nicht, einige treue Stiftungen unterstützen sie immer wieder, es gibt inzwischen eine Kooperation mit dem Deutschen Gewerkschaft Bund, aber ein Großteil wird über Kurse und Workshops erwirtschaftet. Und ohne die vielen Ehrenamtlichen, die sich um alles rund um den Theaterbetrieb kümmern, ginge es ohnehin nicht. Eigentlich aber wollten die damals noch drei Gründer nur einen festen Platz für ihre Proben haben, nicht immer alles hin und her fahren. 20 Jahre später ist daraus ein vielfältiges Programm geworden, nicht nur weil sie für einen Repertoirespielplan wie an anderen Theatern viel zu ungeduldig seien und immer wieder etwas Neues machen müssten. Schon die künstlerischen Richtungen der heute noch zwei Betreiber sind sehr unterschiedlich: Während Lars Evers Schauspiel inszeniert, konzentriert sich Cornelius Kabus auf Objekttheater. Comedy oder Kabarett gibt es nicht im Programm, Musik nur ganz selten von befreundeten Bands.
In der Bar steht auch ein Sofa und wer auf die Toilette muss, könnte im Bad auch gleich duschen. Diese Intimität sieht Lars Evers als Bereicherung, manchmal forciert er es noch: »Bei ‚König Ubu’ haben wir in die Mitte des Bühnenraums einfach einen riesigen Tisch gebaut, der zwölf Meter lang war, um den die Zuschauer dann herum saßen.« Und doch stößt die Theaterfabrik gelegentlich an ihre räumlichen Grenzen, denn eine Probebühne gibt es nicht, nur den Saal für 50 bis 60 Personen. Proben gleichzeitig mit den Theaterkursen, die einen Großteil zur Finanzierung beitragen, sind nicht möglich. Sie seien immer ausgebucht und die Grundlage für das Ensemble des Hauses: »Die Theaterfabrik ist wie ein großer Pool aus Menschen.« Sie würden die Teilnehmer*innen auch ermutigen, eigene Gruppen zu gründen – und eigene Stücke gleich in der Theaterfabrik aufzuführen.
In den vergangenen Jahren ist das kleine Bühnenhaus so immer weiter gewachsen – und mit ihr auch die Gruppe an Beteiligten. Sie ist zur Keimzelle für neue Talente geworden, wie für die kultur.west-Autorin Simone Saftig, die vor acht Jahren in der Theaterfabrik einen ersten Kurs mitmachte, sich dann auf das Schreiben von Stücken konzentrierte und gerade erst den »KinderStückePreis« der Mülheimer Theatertage gewann. Für die Theaterfabrik hat sie auch das Stück »Talent Pool« über zwei Männer geschrieben, die bei der Bewerbung um eine Stelle aufeinandertreffen. Aufgeführt wurde es 2023 im Jobcenter schräg gegenüber der Theaterfabrik. »Wir hätten sehr viel tun müssen, um diese Atmosphäre hier bei uns zu kreieren, und dort war sie einfach da«, erklärt Evers. Nicht nur das Publikum, auch er habe auf diese Weise das Jobcenter kennengelernt, an dem er jahrelang vorbeigelaufen sei. Und er hat Lust darauf, häufiger in die Umgebung zu gehen: »Mich interessieren die Räume, die hier noch überall für mögliche Theaterstücke lauern.« Besonders ein Küchenstudio um die Ecke hat es im angetan, es müsse aber noch der richtige Impuls kommen. Das sei das Schöne daran, ein eigenes Theater zu haben, meint Evers: »Ich kann entscheiden, was ich für ein Stück mache, ich bin mein eigener Herr.«
NÄCHSTE TERMINE:
IMPROVISATIONSABENDE AM 27. UND 28. JUNI
11. UND 12. JULI: »PUSH UP«
VON ROLAND SCHIMMELPFENNIG, IN DER REGIE VON LARS EVERS
EINE MULTIMEDIA-GESCHICHTE AUF KULTURKENNER.DE GIBT
EINBLICK IN DIE THEATERFABRIK.






