Elfriede Jelinek zum 80. Geburtstag: Die luxemburgische Regisseurin Koxi verfilmt das Roman-Frühwerk »Die Liebhaberinnen« mit Johanna Wokalek.
Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek – Sprachartistin, gesellschaftspolitische Exegetin und Expertin von Lust und Unlust, männlicher Ordnungen und weiblicher (Selbst-)Unterordnung – hat die Schlüsselgewalt über das Geschlechtergefängnis. Ihre Texte – Stücke, Romane, Essays – sind betäubende Aufputschmittel. »Manchmal ist der Jäger in einer schlimmeren Situation als das Wild« lautet ein zentraler Satz des Romans »Die Liebhaberinnen«, der Überlebenstechniken, Gewaltstrategien und soziale Mechanismen untersucht.
Die luxemburgische Autorin, Komponistin und Filmemacherin Koxi (Caroline Kox) macht Tabula rasa mit genormter, narrativer Linearität. Ihr Spielfilmdebüt, die Bearbeitung von Jelineks Frühwerk aus dem Jahr 1975, bricht die Form auf, montiert Feel-good-Sprüche und Selbsterfahrungs- und Coaching-Episoden, verschiebt die Erzählzeit des Buchs in unsere medial übersteuerte Gegenwart und verengt das Bildformat, um die Handy-Perspektive abzubilden. Eine Reflexion, die mittels äußerlicher Beschreibung innere Zustände darstellt. Das Garstige, Gemeine und Gnadenlose von Jelineks Buch macht sich der Film selbstbewusst mit beherrschter Präzision zu eigen.
Wohlsituiertes Monster
Johanna Wokalek als Brigitte hat den erschöpften Stoizismus, der das Ergebnis von Empörung und Überforderung ist. Konditioniert nach den Regeln des Erfolgs, unterliegt sie ihnen im doppelten Sinn – im Glauben an deren Lüge und in der Rebellion dagegen. Schnöde, raffiniert und kalt aus Not und Verzweiflung – ein solches Charakterporträt kennen wir ansonsten nur noch von Isabelle Huppert, die schon Jelineks »Klavierspielerin« bei Michael Haneke war. Von Schulden belastet, arbeitet Brigitte als Messe- und Flughafen-Hostess. Ihre Wohnung vermietet sie, um überhaupt über die Runden zu kommen, und nächtigt heimlich in ihrem Fitness-Studio. Berechnend lässt sie sich auf das reiche jämmerliche Muttersöhnchen Heinzi (Ben Münchow) im luxuriös-goldenen Käfig ein und bedient seine sexuellen Obsessionen. Brigitte mutiert schließlich zum wohlsituierten Monster – so wie der Film in den Horror. Mutter Bettina (Victoria Trauttmansdorff) krittelt munter an ihrer Tochter herum und vermittelt Brigitte digitalen Kontakt zu der jungen Paula, die von Bettina begleitet und bemitleidet wird wie die Figur einer TV-Soap.
So haben wir es mit drei Generationen zu tun, unterschiedlich von Sozialen Medien überflutet, um entweder darin unterzugehen oder auf deren Welle zu reiten. Die Jüngste, das 17-jährige Cam-Girl Paula (Hannah Schiller), die im ihr verhassten Dorf lebt, schwanger wird und sich woanders hinträumt, ist nicht passiv, sondern aktivistisch: posierend, Männer abzockend, sich selbst – schnöde und cool – vermarktend, als Ausgebeutete ausbeutend und von ihren Familien-Frauen auf marktwirtschaftlichen Kurs gebracht. Eine bezaubernde Mozart-Arie aus dem »Figaro« auf den Lippen, geht sie mit realer Hilfe von Bettina ihren Weg – wohin? Ins Freie oder auf den falschen Ausweg? Schöne verkehrte Welt! ****
»LIEBHABERINNEN«, REGIE: KOXI, DEUTSCHLAND / LUXEMBURG 2026, 98 MIN.,
START: 22. OKTOBER





