Vor rund 20 Jahren war Jörg Immendorff ein Star, aufmerksam beäugt von den Medien, umschmeichelt auch von Politikern. Doch nach seinem frühen Tod wurde es ruhig um seine Kunst. Der Kunstpalast Düsseldorf rückt sein Werk nun wieder ins Blickfeld.
Hätte Jörg Immendorff jene Parole beim Wort genommen, die er um 1966 in markanten Lettern auf ein Bild schrieb, so hätte diese Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast wohl kaum stattgefunden: In seinen frühen 20ern malte der Künstler (1945-2007), der bei Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, ein expressives Gemälde, auf dem ein Hut und ein Bett zu erkennen sind. Beide Gegenstände sind freilich rigoros durchkreuzt und obendrein mit dem Schriftzug »Hört auf zu malen« ad absurdum geführt.
Aktionskunst, politisches Engagement, Protest gegen den Vietnamkrieg – solche weltanschaulichen Bekundungen schienen dem radikalen Maoisten damals wichtiger als Neuerkundungen auf dem Terrain der Malerei. Vielleicht war das der Grund, weshalb Beuys der kategorischen Aufforderung zur Einstellung der Bildproduktion Beifall zollte – sehr zum Erstaunen von Immendorff. »Hört auf zu malen« gehört nun zu jenen rund 120 Exponaten, die Felicity Korn und Westrey Page für ihre Retrospektive zusammengetragen haben – mit Zeichnungen, Archivmaterial, Holz- und Bronzeskulpturen. Vor allem aber beweist die Ausstellung mit einer Fülle von Bildern, dass der Künstler gegen sein Malverbot unbekümmert verstoßen hat.
Raus aus dem klassischen Kunstbetrieb
Dabei war es in den vergangenen 20 Jahren ruhig geworden um Immendorffs Kunst. Für Furore hatte zuletzt vor der Wende »Café Deutschland« (1978-1982) gesorgt, ein vielfiguriges Panorama, in dem er sich mit der deutsch-deutschen Teilung auseinandersetzte. Auf dem Gipfelpunkt seiner Karriere reüssierte er als »Malerfürst« – ein eigenartiger Gegensatz zu dem Maokult seiner Sturm-und-Drang-Zeit. In den Wimmelbildern der Serie »Café Deutschland« lässt Immendorff sowohl historische und zeitgenössisch-politische als auch fiktive Gestalten auftreten. Den wichtigsten Part jedoch wies er sich selbst zu. Dabei agiert er auf der Bühne der Malerei in einer Dreifachrolle: als Regisseur, als Kulissenbauer und als zentraler Protagonist.
Bühnenwirksam war auch sein 1968 ins Leben gerufenes Aktionsbündnis »LIDL«: Gemeinsam mit seiner damaligen Frau Chris Reinecke probte Immendorff ebenso frech wie einfallsreich den Ausbruch aus dem klassischen Kunstbetrieb. Demokratisierung der Kunst, das war die Vision, an die damals viele junge Künstler*innen glaubten.
Weil die Revolution ausblieb, wechselte Immendorff geschmeidig die Seiten: Als Society-Löwe und Barbetreiber in St. Pauli (»La Paloma«) zeigte er später ebenso medienwirksam Präsenz wie als Kulturbotschafter und Porträtist des Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Mitten im Leben traf ihn 1997 die Diagnose der tödlichen Nervenkrankheit ALS, die seine Bewegungsfreiheit zunächst einschränkte, später völlig beseitigte: Am Ende mussten Assistenten die Bilder nach den Anweisungen des Meisters ausführen.
»JÖRG IMMENDORFF«
KUNSTPALAST, DÜSSELDORF
25. SEPTEMBER BIS 10. JANUAR 2027






