Wenn Aurel Dawidiuk im Spätsommer 2026 als Generalmusikdirektor bei den Bochumer Symphonikern anfängt, dann ist er noch 25 Jahre alt – und der jüngste Orchesterleiter Deutschlands.
Nein, er wird nicht drum herum kommen, dass auch über sein Alter geschrieben und diskutiert wird: Wenn der Dirigent, Organist und Pianist Aurel Dawidiuk im Spätsommer 2026 seine Stelle als neuer Generalmusikdirektor (GMD) der Bochumer Symphoniker antritt, dann ist er noch ein paar Wochen lang 25 Jahre alt. Passiert nicht in irgendeiner Ecke des Landes noch Überraschendes, wird er dann der jüngste GMD Deutschlands sein – jünger noch als Patrick Hahn, der 2021 26-jährig die Leitung des Wuppertaler Sinfonieorchesters antrat. Wenn man mit Aurel Dawidiuk spricht, bekommt man allerdings nicht den Eindruck stürmischer Jugend, sondern den kluger Erfahrung und weiser Einsicht.
Die Musik begleitet ihn immerhin schon seit fast 20 Jahren. »Für mich war immer klar, seit ich sechs oder sieben Jahre alt bin, dass ich Dirigent werden möchte«, sagt er. Dieser Wunsch wurde ihm nicht insofern in die Wiege gelegt als seine Eltern berühmte Musiker wären. Aber sie hatten ein Interesse für Musik, gingen mit ihrem Sohn einmal in der Woche ins klassische Konzert oder in die Oper. Die Geschichte seiner Kindheit spielt in Hannover, wo er auch geboren wurde, und Aurel Dawidiuk erinnert sich an einen ganz besonderen Opernbesuch, bei dem er in der ersten Reihe, direkt vor dem Dirigenten, saß: »Das habe ich als Magnetfeld wahrgenommen.«
»Ohne die Musiker ist ein Dirigent nichts.«
Aurel Dawidiuk
»Wenn man diesen Wunsch in so jungen Jahren entwickelt, kann man sich den Stress und die Verantwortung nicht vorstellen, die dahinter stehen«, sagt er. »Ich habe aber schon damals ein Gespür dafür entwickelt, was es bedeuten kann, Musik mit vielen Menschen zu machen und anzuleiten. Es ist skurril, weil man als Dirigent ja keine Musik in dem Sinne macht, dass man ein Instrument spielt. Ohne die Musiker ist man nichts. Aber ich habe das gespürt, dass sich auf dieser Position eine Kraft konzentriert, die über das Orchester zurück zum Publikum geht.«
Es ging in seinem Leben also schon früh darum, auf die Position des Dirigenten zu kommen und mit dieser Kraft umzugehen, sie lenken zu können. Aurel Dawidiuk begann, Klavier und Geige zu lernen. 2014, also im Alter von 14 Jahren, wurde er Jungstudent am Institut zur Früh-Förderung musikalisch Hochbegabter (IFF) an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Ab dem Alter von sieben Jahren sang er außerdem den Alt im Knabenchor Hannover. Mit seinen rasanten Fortschritten im Instrumentalunterricht konnte er den Chor schon bald bei Auftritten im In- und Ausland am Klavier begleiteten.
Hört man Aurel Dawidiuk selbst über die Geschichte seiner Hochbegabung reden, dann klingt das nicht nach der typischen Erzählung von Druck oder sogar Zwang aus dem Elternhaus, von quälenden Stunden des Übens, von der Abkopplung von »normalen« Freund*innen und Mitschülern*innen. Der Hannoveraner besuchte eine ganz normale, staatliche Schule und sein Ausnahmetalent als Musiker war unter seinen Mitschülern kaum Thema, weil er auch ein begeisterter Fußballspieler war und Gespräche sich dann eher darum drehen konnten.
Fußball-Karriere oder Musik?
Natürlich nahmen seine Teilnahme am IFF oder an »Jugend Musiziert«-Wettbewerben Zeit in Anspruch, »aber es war für mich nie ein Überdruck oder Zwang, das jetzt zu machen oder machen zu wollen«, erinnert er sich. Nur einmal bekam er von der Schule einen Brief nach Hause, weil er wegen seiner Aktivitäten auf dem Feld der Musik achtmal hintereinander im Physik-Unterricht fehlte. Doch im Großen und Ganzen wirkt sein Weg vom Schüler zum Dirigenten beinahe bruchlos – wenn man die insgesamt vier (!) Handgelenksbrüche außen vorlässt, die er sich als Fußballspieler zugezogen hat.
Zweimal links und zweimal rechts brach er sich die Hand, weil er immer im Tor stand und ein großes Vorbild hatte: Oliver Kahn. »Ich bin also gern mal rausgegangen aus dem Strafraum.« Auch im Fußball stand der Gedanke im Raum, ob er eine Profi-Karriere einschlagen könnte. Weil es jeweils sechs Wochen brauchte, bis ein Handbruch verheilte, in denen er weder Fußball noch Klavier spielen konnte, wurde irgendwann eine Entscheidung fällig. Und die fiel klar für die Musik aus.
Ist denn etwas vom stürmischen Naturell des Fußballspielers Aurel Dawidiuk in seine Dirigenten-Persönlichkeit gewandert? »Beim Fußball schreie ich viel und laut. Einmal hat die Stimmbildnerin vom Knabenchor bei uns zuhause angerufen: ‚Das geht nicht, da ist ja immer die Stimme weg!‘« Wenn er dirigiert, sei eher das Gegenteil der Fall: »Es sollte als Dirigent nicht in erster Linie darum gehen, die Musik zu verkörpern oder gar sich selbst körperlich auszudrücken. Einer meiner Lehrer hat gesagt: Man dirigiert nicht die Musik, sondern die Musiker.«
Und dann sagt Aurel Dawidiuk einen Satz, der möglicherweise ausschlaggebend dafür war, dass die Bochumer Symphoniker ihn gerne haben wollten: »Das Dirigieren ist vielleicht mehr reaktive Tätigkeit, aber auch eine aktive Kraft.« Ein großes Vorbild sei ihm immer der niederländische Dirigent Bernard Haitink gewesen, »mein Patron in Amsterdam«, der 2019 mit 90 Jahren sein Abschiedskonzert gab und 2021 starb. Sein Stil gilt als sachlich und unprätentiös. Er wollte nicht seine Person in den Vordergrund stellen, sondern die Musik – und die Musiker*innen – zu sich selbst kommen lassen. So beschreibt es auch sein junger Kollege: »Nur zusammen mit jedem einzelnen Musiker auf der Bühne schaffen wir ein kollektives Gesamterlebnis, das verbindend überzeugend sein kann.«
Eigentlich hat er es nicht darauf angelegt, mit 25 Jahren schon Generalmusikdirektor eines A-Orchesters zu werden. Sein Kalender ist sowieso gut gefüllt, er hätte sich auch mit den vielen prominenten Gastdirigaten weiterentwickeln können. Aber weil Tung-Chieh Chuang seinen Vertrag bei den Bochumer Symphonikern nicht verlängerte, suchte das Orchester – und lud Aurel Dawidiuk im Frühjahr dieses Jahres zu einer Gastwoche ein. »Die war so gut, so harmonisch, angenehm, konzentriert und fokussiert auf die Arbeit. Es war klar, dass wir zusammen einen Weg gehen möchten, sozusagen Liebe auf den ersten Ton.«
Für beide Seiten könnte die Zukunft sehr befruchtend sein. Das Bochumer Orchester kann nach 27 Jahren unter Steven Sloane, der es bis 2021 leitete, zum zweiten Mal mit einem jungen Dirigenten neue Wege gehen. Und Aurel Dawidiuk wird naturgemäß viele Werke aufführen, die er noch nie vorher erarbeitet hat. »Das ist gut mit einem Klangkörper, mit dem man sich gut fühlt und dem man vertraut.« Die Bochumer Symphoniker spielen außerdem jedes Jahr ein großes, auch international wahrgenommenes Projekt mit der Ruhrtriennale, und gehen gern auf Gastspielreise – etwa in sein geliebtes Concertgebouw Amsterdam.
»Anton Bruckner ist der Komponist unserer Zeit. Denn er steht für das Gegenteil von dem, was unserem heutigen Zeitgeist entspricht: nicht das Schnelle, Kleinteilige.«
Aurel Dawidiuk
Die Planung für seine neue Saison hat er zwar schon nahezu abgeschlossen. Präsentiert wird sie allerdings erst im kommenden Frühjahr. Verraten möchte Dawidiuk allerdings gerne, dass er unter anderem Anton Bruckner spielen wird – und damit Vorurteile aufbrechen will. »Man hört ja immer, Bruckner sei für die ‚Alten‘ oder ‚Erfahrenen‘ reserviert. Man denkt, man könne keine jungen Leute damit ansprechen. Aber ich würde sagen, Bruckner ist der Komponist unserer Zeit. Er steht für das Gegenteil von dem, was unserem heutigen Zeitgeist entspricht: nicht das Schnelle, Kleinteilige. Für ihn braucht es die Ruhe, große Zeiträume zu überblicken, ohne ungeduldig darauf zu warten, dass ein aufregender Höhepunkt nach dem nächsten folgt. Bruckner zu hören ist für mich eine intime und konzentrierte Angelegenheit – und trotzdem ist da ganz viel Gefühl und Größe.«
In seiner Generation nimmt der junge Dirigent diese Sehnsucht wahr – nach Momenten, in denen das Smartphone mal außen vor bleibt, in denen man nicht ständig abgelenkt ist und eine Konzentration auf etwas stattfindet. »Dafür braucht es aber eine Plattform, alleine macht man das eher nicht.« Und diese Plattform, die will er bald mit seinem Orchester bieten.



