Hape Kerkeling hat seine bekannteste Figur reaktiviert und in ganz Deutschland nach dem Glück suchen lassen. Horst Schlämmer stammt allerdings aus der rheinischen Provinz, aus Grevenbroich. Warum er genau jetzt zurückkehren musste? Ein Gespräch.
Im Kölner Hotel am Wasserturm empfängt Hape Kerkeling am Promo-Tag zu seinem neuen Kinofilm »Horst Schlämmer sucht das Glück« im hübschen Anzug mit Einstecktuch in einem Lehnsessel Journalisten, an den Fingern trägt er goldene Ringe. Er könnte so auch einen Mafia-Boss darstellen – dafür sind seine Antworten allerdings zu freundlich, nachdenklich und zugewandt.
kultur.west: Ihre Figur Horst Schlämmer soll auf eigene Erfahrungen zurückgehen. Was haben Sie erlebt mit Lokaljournalisten?
HAPE KERKELING: Es gibt ja solche »Lokalmatadore«, die ihre Stadt im Griff haben und darüber entscheiden, wer im Lokalteil vorkommt, welches Ratsmitglied, welcher Schützenkönig und so weiter. Das ist oft – zumindest war das früher so – ein unheimliches Gekungel. Der Lokaljournalist hat allein deshalb unheimliches Gewicht, weil er entscheidet: Du kommst rein und du nicht. Deshalb haben die oft eine unglaubliche Jovialität und geben vor, mit einer Macht ausgestattet zu sein, die sie de facto nicht haben. Dieser Bruch macht diese Person sehr komisch. Ich bin auf meinen Tourneen quer durch Deutschland natürlich vielen Lokaljournalisten begegnet und da waren schon sehr skurrile Charaktere dabei, auch welche, die Horst Schlämmer sehr ähnlich waren: mit leichtem Hang zur Angeberei, mit einer bestimmten Alkoholnote, die in dem Job wie ich finde nichts verloren hat. Unvorbereitet reingehen und das Ganze mit Fabulieren füllen, das war auch ein typisches Kennzeichen.
kultur.west: Warum musste Horst Schlämmer genau jetzt zurückkehren?
KERKELING (schaut in die Ferne, denkt nach): Tja, ich weiß es nicht. Die Geschichte wird es zeigen, ob es genau der richtige Zeitpunkt war. Aber der Horst ist jemand, der grundsätzlich ein sehr demokratischer Charakter ist. Er sieht und behandelt Menschen auf Augenhöhe. Er ist auch jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt und ich glaube, das braucht es gerade: jemand, der frei von der Leber weg sagt, was Sache ist. Der Horst bringt tendenziell gute Laune mit und von daher ist er ein guter Vertreter für die Sache des Glücks.
kultur.west: Dieses Unvorbereitete, Lücken mit Geplapper füllen, das macht Horst Schlämmer im neuen Film in ganz Deutschland – selbst wenn er Markus Söder gegenübersitzt…
KERKELING: Er ist eben ein grundsätzlich demokratischer Typ. Ob er jetzt einer Domina begegnet oder dem Ministerpräsidenten von Bayern – die Verhaltensweise ist in etwa die gleiche.
kultur.west: Im Prinzip verspricht jeder Politiker das Glück. Warum kommt ausgerechnet Markus Söder vor?
KERKELING: Markus Söder ist bekannt dafür, dass er nicht Scheu ist, was das Rampenlicht angeht. Er war deshalb interessant, weil er keine Frage vorher sehen wollte. Er wollte nicht wissen, was passiert, kein geschnittenes Material sehen. Er hat sich völlig auf die Sache eingelassen. Das, was er vertritt, dieser Freiheitsgedanke, den lebt er auch und war deshalb ein idealer Ansprechpartner für Horst Schlämmer.
kultur.west: Die Szene ist wirklich genial: Man hat das Gefühl, es geht den beiden um gar nichts – am ehesten darum, wer jünger aussieht!
KERKELING: Genau das, worum es im Leben eben geht: Oberflächlichkeiten. Das ist dem Leben entlehnt, wo auch die Möglichkeit zu einem großen Interview verrutschen kann, wenn sich zwei Gockel gegenübersitzen.
kultur.west: Der andere große Interviewpartner ist Kardinal Woelki – als Vertreter der rheinischen Frohnatur?
KERKELING: Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, der Kardinal von Köln sei eine rheinische Frohnatur. Aber gerade für den Rheinländer gehört der Glaube an Gott natürlich zum Glück dazu – nicht umsonst wird das auch in bekannten Karnevalsliedern besungen.
kultur.west: Im Film tauchen immer wieder fiktive Filmszenen mit der Schauspielerin »Gabi Wampel« auf. Ist das Ihre Hommage an das Fernsehen der guten, alten BRD?
KERKELING: Die gute, alte Zeit ist ja auch eine Inszenierung. Wir wollten eine gute Zeit, also haben wir sie uns inszeniert. Und das scheint gut geglückt zu sein. Wenn wir heute an diese relativ trutschigen, kitschigen Trash-Serien zurückdenken, kriegt man ein warmes Gefühl – was ich nicht schlimm finde: Es ist auch eine Art Kulturgut. Aber was lernen wir daraus? Wenn wir wieder eine gute Zeit wollen, dann müssen wir sie selber inszenieren. Wir müssen das Drehbuch schreiben und die Regie übernehmen.
kultur.west: Schon »Kein Pardon« war ja eine Hommage an die Hoch-Zeit der deutschen Fernsehunterhaltung. Fühlen Sie da eine Sehnsucht oder Nostalgie? Fehlt sie heute?
KERKELING: Gute Erinnerungen sind sicher eine wichtige Grundlage für Glück. Gesegnet sei der, dem das widerfahren ist. Dass die gut inszenierte Unterhaltung heute fehlt – so weit würde ich nicht gehen. Es geht mir eher darum, dass man sich seiner Kulturgeschichte bewusst ist, dass es die Grundlage ist auch für aktuelles Glück.
kultur.west: Man könnte den Film als eine Reihe von Sketchen begreifen. Ist der Sketch das Wesen Ihrer Kunst?
KERKELING: Jede Comedy lebt nicht davon, dass man Dinge unendlich wie Kaugummi auseinanderzieht. Sie lebt von Schnelligkeit, Kurzatmigkeit, Überraschungen, die relativ flott aufeinanderfolgen. Heute sind die Sehgewohnheiten der Menschen ganz andere geworden, durch Tik Tok und Instagram sind wir auf viel schnellere Wechsel eingestellt. Dafür erzählen wir sogar relativ ruhig und ausufernd, wie ich finde. Aber verglichen mit der alten Zeit ist das »Pacing« (Erzähltempo und Rhythmus, Anmerkung der Redaktion), wie man es nennt, deutlich schneller.
kultur.west: Mich hat das an die beiden Kinofilme von Loriot erinnert, der aus vielen tollen Sketchen eine längere Erzählung schafft. Ist das eine Bezugsgröße für Sie?
KERKELING: Loriot sitzt mir wahrscheinlich schon auf der Schulter. Grundsätzlich finde ich, dass gute Filmkomödien diese schnellen Wechsel haben und brauchen. »Extrawurst« hatte das jetzt nicht, aber den habe ich auch nicht selber geschrieben und konzipiert.
kultur.west: Wie kam die Idee auf, dass Sie sich im Film sogar selbst spielen?
KERKELING: Die Idee kam von unserem Autor Claudio Pläging, der meinte: Eigentlich könntest du da doch mal als Hape Kerkeling auftreten und so einen richtigen Kotzbrocken spielen. Und ich fand: Ja, das wäre doch interessant, wenn ich mich selber demontiere und als einen völligen Kotzbrocken darstelle, von dem ich glaube, dass ich es nicht bin.
kultur.west: Ich wollte gerade fragen: Ist dieser Kotzbrocken nicht auch ein kleiner Teil von Ihnen?
KERKELING: Das ist eine absolut unverschämte Frage von Ihnen, die ich nicht beantworte! (lacht) Weiß ich nicht, vielleicht gibt es den auch irgendwo in mir und ich lasse ihn nicht raus. Vielleicht können Sie sich das ja mal vorstellen: Ich habe heute 15 oder 16 Interviews vor mir. Das ist wahnsinnig anstrengend. Ab Interview Nummer 9 haben Sie so Momente, dass Sie denken: »Wat wollte der jetzt?« Wenn der Tag schlecht läuft, kann sich da schonmal eine leichte Aggression aufstauen, dass man sagen möchte: »Nächste Frage!« Mach ich aber nicht. Das im Film einmal rauslassen zu dürfen und an einem intellektuell nicht ganz so gewachsenen Horst Schlämmer abzuarbeiten, macht schon Spaß.
kultur.west: Wäre ein Horst-Schlämmer-Film heute nicht mehr möglich ohne ein Korrektiv, wie es die Kamerafrau Anna darstellt, die ab und zu einwirft: »Horst, sowas sagt man heute nicht mehr«?
KERKELING: Wir wollten das etwas vielschichtiger anlegen. Im Prinzip mutiert die junge Kamerafrau zur Erziehungsberechtigten von Horst, wenn sie ihm erklären will, wie die Welt zu sein hat. Sie bekommt dadurch etwas Spießiges. Es könnte auch der Gipfel der Frauenfeindlichkeit sein, dass diese hochmotivierte, intelligente Frau nie im Bild ist. Aber Horst ist derjenige, der will, dass sie sich mal zeigt – und sie verweigert es. Die Welt ist ja viel komplizierter als wir es oft annehmen. Wenn wir das akzeptieren, werden wir schon weniger wütend und legen damit einen Grundstein für unser Glück.
kultur.west: Was geht Ihnen am meisten gegen den Strich seit Corona?
KERKELING: Die Welt hat sich ja nicht nur durch Corona verändert. Es ist bloß ein starker Ankerpunkt für den Film. Es ist gut, dass sich die Welt verändert, aber man muss da gut draufgucken, das begleiten, die Zukunft behutsam behandeln wie unser eigenes Kind. Ob das im Moment alles noch so gelingt, weiß ich nicht.
kultur.west: Horst Schlämmers Projekt ist ein restauratives: Er will seine alte Kneipe retten.
KERKELING: Es ist wahnsinnig konservativ. Er hält an dem fest, was er für gut gehalten hat.
kultur.west: Fehlen Orte wie diese Eckkneipen, wo unterschiedliche Menschen zusammenkommen?
KERKELING: Ich bin kein Freund von Idealisierung. Jeder muss selber schauen, was er in seinem Leben für bewahrenswert hält. Eine Eckkneipe im Rheinland oder Ruhrgebiet kann auch der Hort einer unfassbar rechten Gesinnung sein. Man muss, glaube ich, eine Mischung finden aus Bewahren – oder Nicht-Vergessen – und Erneuern. Ich will nicht mehr so leben, wie es in den 1970er und 80er Jahren im Ruhrgebiet war. Aber ich will es nicht vergessen. Es ist wichtig, dass nachfolgende Generationen wissen, wie die Kindheit ihrer Eltern war.
kultur.west: Wenn man wie Sie im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, bekommt man da Toleranz und Vielfalt quasi selbstverständlich mit auf den Weg?
KERKELING: Auch da muss ich sagen: Das Ruhrgebiet wird so idealisiert, dass ich schon fast geneigt bin, immer dagegenzuhalten. Ich bin sehr schnell nach Düsseldorf gezogen und habe das nicht bereut. Aber ich liebe das Ruhrgebiet auch – mit seinen Vor- und Nachteilen: Es macht die Menschen sehr gleich, fährt ihnen aber manchmal auch über den Mund, wenn es nicht wirklich notwendig ist. Jedes Weltbild, das geprägt ist von Einschränkungen und Beschneidungen, ist nicht meins. Wir müssen die Welt zulassen wie sie ist: bunt und vielfältig. Je mehr wir das zulassen, desto mehr sind wir in Frieden mit uns und in der Welt.
Zur Person
Hape Kerkeling wurde 1964 in Recklinghausen geboren und verlebte im Ruhrgebiet Kindheit und Jugend. Schon mit 17 Jahren hatte er seinen ersten Fernsehauftritt im »Talentschuppen« des Südwestfunks. Den Durchbruch schaffte er 1985 mit seiner eigenen Fernsehshow »Känguru«. Es folgte die Sendung »Total Normal« mit berühmten Sketchen wie »Hurz« und 1993 sein erster Kinofilm, die Mediensatire »Kein Pardon«. Nach einer Zeit in Berlin lebt Hape Kerkeling mittlerweile wieder im Rheinland.
DER FILM „HORST SCHLÄMMER SUCHT DAS GLÜCK« LÄUFT AB 26. MÄRZ IN DEN KINOS.



