Die Kölner Choreografin Elsa Artmann und das Tanzkollektiv »Sanfte Arbeit« sind gerade auf einer Erfolgswelle unterwegs. Für das Bonner Beethovenfest kreieren sie nun die Uraufführung »Life after Love«.
Elsa Artmanns Zeit ist knapp bemessen an diesem Probentag in der TanzFaktur Köln. Hier inszenieren sie und ihr Ensemble »Sanfte Arbeit« eine Uraufführung für das Beethovenfest. Eine Stunde Mittagspause hat die Tänzerin, Choreografin und bildende Künstlerin, und die verbringt sie mit einem Interview per Zoom für kultur.west. »Und wann gibt’s was zu essen?« Sie lächelt. Zwischen leiser Ironie und der Ernsthaftigkeit eines artigen Kindes sagt sie: »Ich verspreche, später noch etwas zu essen.« Von wegen sanfte Arbeit. Klar, der Name des Tanzkollektivs ist blanker Sarkasmus. Schließlich sind die sanften Arbeiterinnen in der freien Kulturszene unterwegs.
Ihre Ausdauer wird gerade allerdings mit großem Erfolg belohnt. Artmann und ihre Mistreiter*innen haben sich einen wohlklingenden Namen erworben, der für gute Konzepte und geistreiche Umsetzung steht. Doch mit der Beziehungsutopie »Langes Wochenende« kamen plötzlich Anfragen über NRW hinaus: Die Arbeit erhielt den Kölner Tanztheaterpreis 2025 und wurde zur Tanzplattform Deutschland 2026 in Dresden eingeladen. Eine große Ehre, werden hier doch die spannendsten künstlerischen Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz präsentiert. Artmann freut sich – leise, versteht sich: »Es war ein sehr deutlicher Shift. Dabei wäre das Stück wegen der knappen Förderung fast gescheitert. Deshalb haben wir Crowdfunding betrieben – allerdings mit mäßigem Erfolg.« Durch den Prozess haben sie sich »ökonomisch durchgewackelt«. Die Wahl-Kölnerin: »Dieses Stück mache ich für mich und uns, habe ich mir immer wieder gesagt.« Nach der Premiere kamen dann erstmals größere Gastspielanfragen aus Basel, Leipzig, Hamburg und für 2027 in München. Und schließlich die Auswahl zum Fellow des diesjährigen Beethovenfests Bonn.
Voller Zärtlichkeit und Wortwitz
In »Langes Wochenende« fließt die Essenz ihrer ästhetischen, konzeptionellen und theoretischen Praxis ein. Der Blick auf Formen des Zusammenlebens, Arbeitsprozesse und wirtschaftliche Zwänge, die schonungslose – und doch humorvolle – Beobachtung der Arbeits- und Beziehungswelt. Artmann lädt den Job romantisch auf und lässt die Beziehungsformen verschwimmen. Beruflich und privat. Kollegiale Zärtlichkeit birgt ökonomische Vorteile, macht Freude, aber ist auch mit Enttäuschung verbunden. Dies alles bringen Artmann, Diana Treder und Anne-Lene Nöldner mit feiner Ironie auf die Bühne. Die Stücke sind leise, leicht, entspannt, voller Zärtlichkeit und Wortwitz. Der intellektuelle und technische Anspruch ist hoch, die Akustik perfekt, die Ästhetik abgestimmt. Artmann hat ihre eigene, uneitle Kunstform aus Tanz, Sprache und Musik entwickelt – Wohlfühlkunst. Dabei rückt sie dem Publikum, platziert auf der Bühne, auch auf den Leib. Aber sanft, natürlich.
Artmann, Jahrgang 1989, wurde in Regensburg geboren und wuchs dort auf. »Mein Vater war Silberschmied, mein Onkel Schreiner. In unserer Familie ist eher das Kunsthandwerk, das Gestalterische, angelegt«, erzählt die Bayerin. Ihre Mutter sei als Grundschullehrerin die einzige Akademikerin der Generation. Wie kam es 2009 zum Malerei-Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig? »Mir war klar, dass ich etwas Künstlerisches machen wollte. Ich konnte gut zeichnen«, sagt Artmann schlicht, »und viele Leute haben mir das rückgemeldet.« Sie kichert: »Niemand hat mir gesagt, ich solle Tanz studieren.« Also Malerei mit medienübergreifender Ausrichtung mit Diplom und Meisterschüler*innenabschluss. 2012 folgte sie ihrem Drang nach körperbasiertem Arbeiten und ging an die Hochschule für Musik und Tanz in Köln.
Erstaunlich, wie vielseitig Artmann ist. Nebenbei unterrichtet sie »Künstlerische Praxis zwischen Zeichnung und Bewegung« an der Universität zu Köln, »szenisches Schreiben für Schauspielstudent*innen« an der Kunstuniversität Graz und leitet Workshops des interdisziplinären Literaturfestivals auftakt in Köln. Und publiziert eigene Texte.
Für die Uraufführung »Life after Love« für das Beethovenfest geht sie mit der Musikerin Annie Bloch ins kollaborative Songwriting. »Zwischen Pop und experimenteller Musik«, verrät Artmann. Sie experimentieren mit musikalischen, stimmlichen Ideen. Das um eine Musikerin und vier Performer*innen erweiterte Ensemble reflektiert post-romantische Fürsorge-Beziehungen im queeren Kontext jenseits von Versorgungsversprechen. »Was ist die Zukunft jenseits von Kleinfamilie, Ansammlung und Weitergabe von Besitz?« Anders gefragt: »Träumen wir vom eigenen Garten oder gehen wir lieber im öffentlichen Park spazieren?«
Beethovenfest
Das Beethovenfest findet vom 3. September bis 3. Oktober statt. Nach neun Jahren Sanierungszeit zieht es zurück in die Beethovenhalle als Hauptspielstätte. Dazu passt das Motto »Nach Hause/Daheim«, unter dem es rund 80 Konzerte bietet – an 25 Spielstätten in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis. Die Eröffnung gestaltet das London Symphony Orchestra am 4. September.
11. UND 12. SEPTEMBER
»LANGES WOCHENENDE«
THEATER IM BALLSAAL BONN
13. UND 16. SEPTEMBER
»LIFE AFTER LOVE«
BEETHOVENHALLE STUDIO






