Sandra Prechtels außergewöhnliche Dokumentation über den einzigartigen Theaterkünstler Einar Schleef: »Ich habe kein Deutschland gefunden« startet in den Kinos.
Als Einar Schleef im Juni 1997 am Düsseldorfer Schauspielhaus die »Salome« nach Oscar Wilde in seiner eigenen ungestümen Übersetzung herausbrachte, deren Sprache den Schönwuchs des viktorianischen Zeitalters radikal beschneidet und Blumen des Bösen an seine Stelle pflanzt, war uns Zuschauern, als sei ein schwarzer Komet vom Himmel gestürzt. Für das Theater hatte sich etwas Ungeheures, Wundersames ereignet. So Schönes, Zartes, Wuchtiges, Aufrührerisches bleibt unvergessen.
Schleef, der Einzelkämpfer, der Stotterer und grandiose Rezitator, Schriftsteller, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, Maler, Fotograf, Darsteller – viel gerühmt und viel geschmäht. Nichts war mehr falsch und mehr Missverständnis, als ihn einen Berserker zu nennen. Der Mann hatte scheue Feinheit und kindliche Sanftheit und war die Höflichkeit in Person. Elfriede Jelinek benennt zwei Genies für Deutschland nach 1945: Rainer Werner Fassbinder im Westen und Schleef, den 1944 in Sangerhausen Geborenen, im Osten.
Sensibel für Sprache
Sandra Prechtel hat für ihre eindringliche, behutsame, innige Dokumentation »Ich habe kein Deutschland gefunden« die glückliche Hand und den Spürsinn, rares, auch privates Bild-, Ton-, Tagebuch- und Interview-Material zu verwenden; sie kombiniert Schleefs Selbstzeugnisse mit zeitgeschichtlichem Material und verbindet es zu intensiven Impressionen, wobei sie sich eigener Kommentierung enthält. Darunter sind Schleefs Fotografien der sechziger Jahre einer erschütternd tristen DDR. Und seine pessimistischen Äußerungen zur deutschen Vergangenheit mit dem Erbe von Buchenwald und zur Gegenwart vor und nach der Wende. Darunter ist ein Besuch im entleerten Elternhaus und die Auseinandersetzung mit dem Partei-Soldaten-Vater.
Von früh an hat Einar ein Problem mit dem Sprechen: Es mache, sagt er, eine »tiefe innere Zerstörung« deutlich. Mache ihn aber auch hellhörig, sensibel und kompromisslos für Sprache. Schleef, der immerwährende Wanderer und Fremdling wie in Franz Schuberts Liedern. »Weit weg« wolle er, »nur nicht hier« sein und hier bleiben in der sachsen-anhaltinischen Provinz. Von seiner Herkunft wird er später in dem monumentalen Prosawerk »Gertrud« über seine Mutter und dabei über sich selbst in einem »anderen Kostüm« schreiben.
Er entkommt dem »Kreislauf« der Väter und Vorfahren. In Berlin studiert er Malerei und wird bald exmatrikuliert; doch Brechts Bühnenbildner Karl von Appen nimmt sich als Lehrer seiner an und verhilft ihm ans Berliner Ensemble. Als er dort Strindbergs »Fräulein Julie« mit Jutta Hoffmann inszeniert, kommt es zum Eklat – nach zehn Aufführungen ist das Stück abgesetzt und er selbst mit »totaler Verbannung« vom sozialistischen deutschen Staat belegt. Seinen Existenzkampf, seine Reibung am Gesellschaftlichen nennt er »Krieg«. Aus seiner biografisch individuellen Unfreiheit gibt es für ihn nirgends einen Fluchtort. Vielleicht noch am ehesten das New York abseits von Manhattan und Wien jenseits barocker Prachtentfaltung.
Der Chor als zentrales Element
Hohle Klassikerpflege schiebt Schleef rigoros beiseite. Zentrales Element seiner Inszenierungen ist der aus der antiken Tragödien-Tradition übernommene Chor, massiv und affektiv eingesetzt, hoch konzentriert und rhythmisiert. Er steht für das kollektive Wir anstelle des bürgerlichen Ichs. Seine Theatertheorie legt er in dem ebenfalls monomanen Buch »Droge Faust Parsifal« nieder. In Frankfurt am Main, in Berlin, in Wien trifft er entweder auf vehemente Ablehnung oder (seltener) auf enthusiastische Bewunderung. Das gilt für seinen »Faust«, das antike »Mütter«-Projekt, die umkämpfte, wie zu einer Bach-Passion gesteigerte Uraufführung von »Wessis in Weimar« am BE (gegen den Widerstand des Autors Rolf Hochhuth durchgesetzt), für Hauptmann und Brecht oder für Jelineks grandios gestaltetes, bereits bei der Premiere legendär gewordenes »Sportstück« am Burgtheater von Claus Peymann.
Schleef hatte immer arge Widersacher, darunter Kritiker, die auf seinen Bühnen »Drill« und »Menschenverachtung« zu sehen glaubten; auch der Regisseur und Intendant Peter Zadek lehnte ihn ab und verstieß ihn vom Berliner Ensemble. Schleef fand Asyl am Schillertheater – doch das wurde vom Berliner Senat 1993 geschlossen und abgewickelt, was Schleef mit einem Goethe-Requiem als nächtlichem Geisterzug vor den Stufen des Hauses beantwortete.
Am 21. Juli 2001 ist ein großes Unglück geschehen, als Einar Schleef viel zu früh in Berlin starb. Diesem in seiner Zerrissenheit, seinem Eigensinn und seiner Traurigkeit so ungemein deutschen Künstler hier neuerlich zu begegnen, ist ein Geschenk. Schleef muss in einem Atemzug genannt werden mit Büchner, mit Nietzsche, mit Heine in ihrer Leidensstärke, ihrer Schicksalslast, ihrer Sprachmacht und ihrem absoluten Anspruch.
AB 5. NOVEMBER IM KINO,
IN NRW ZUNÄCHST IN BONN, DORTMUND, KÖLN, WEITERE ORTE FOLGEN.
9. NOVEMBER: DIE KINO-TOUR MIT DER REGISSEURIN MACHT HALT
IN BONN, REX-LICHTSPIELTHEATER, UND KÖLN, FILMPALETTE.






