Die Zukunft des renommierten Düsseldorfer Marionetten-Theaters ist unsicher: Ausgerechnet im Jubiläumsjahr hat die Stadt ihre Zuwendungen für die seit 70 Jahren bestehende Institution empfindlich gekürzt. Das Unverständnis unter den Künstler*innen ist groß, der Ton wird schärfer in der einst so reichen Kommune – und in den nächsten Haushaltsjahren wird die Lage sogar noch enger.
Das schöne Lummerland hat ein Problem: Es benötigt dringend einen Leuchtturm – aber es gibt viel zu wenig Platz auf der Insel. In Michael Endes Kinderbuch »Jim Knopf und die Wilde 13« ist es Herr Tur Tur, der das Problem lösen kann: Er stellt sich auf einen Hügel, denn als Schein-Riese wirkt er aus der Ferne viel größer, als er es in Wirklichkeit ist.
Düsseldorf ist keine Insel, doch auch die Landeshauptstadt hat ein Problem. Es ist das Problem fast aller NRW-Kommunen in diesen Tagen: Sie haben angesichts sinkender Steuereinnahmen zu wenig Geld für den auskömmlichen Erhalt all der unterstützenswerten Kulturangebote in der Stadt. Und dieses Problem wird leider nicht kleiner, wenn man ihm näherkommt.
Das Stück »Jim Knopf und die Wilde 13« steht auf dem Spielplan des Düsseldorfer Marionetten-Theaters, es ist ein Dauerbrenner seit der Premiere 2009 und fast immer ausverkauft. Im historischen Palais Wittgenstein in der Carlstadt hat das Theater, das seit 45 Jahren von Anton Bachleitner geführt wird, sein hochspezialisiertes Zuhause. Knapp 100 Zuschauer fasst der Saal mit seinen rot gepolsterten Sesseln. Hinter den Kulissen und auf der Bühne gibt es alles, was eine Puppenbühne ausmacht: zwei fahrbare Führungsbrücken für die Spieler, die die hölzernen Figuren an bis zu zwei Meter langen Fäden halten und bewegen, sogar eine Drehbühne, eine Kabine für Licht und Ton und eine Schreinerwerkstatt, in der die Kulissen und die Marionetten in Handarbeit gefertigt, bemalt, angekleidet werden.
Rund 500 prachtvolle Puppen umfasst der Fundus inzwischen, vom kleinen Schmetterling bis zur dicken Lokomotive. Derzeit bauen Bachleitner und sein Team an den Rumpelwichten und Gnomen aus der Welt von »Ronja Räubertochter« – das Stück soll im kommenden März Premiere feiern, als 23. Produktion in der Geschichte des Theaters. Es wird die erste Premiere nach 14 Jahren – und, wenn die schlimmsten Befürchtungen wahr werden, auch die letzte.
Mit seinen 70 Jahren gehört das Marionetten-Theater zu den ältesten Kulturinstitutionen in Düsseldorf, neben der Oper und dem Kom(m)ödchen. Und es gehört zu den kulturellen Botschaftern der Landeshauptstadt: Gastspiele und Festivals führten das Theater schon bis Japan, Indonesien und Russland.
Die Stadt fördert das Theater von Anbeginn mit zuletzt über 300.000 Euro jährlich, dazu kommt die kostenfreie Spielstätte, in die immer wieder investiert wurde. Der größte Kostenfaktor ist das Personal. Die gemeinnützige Marionetten-Theater GmbH hat fünf Angestellte plus Mini-Jobber. Dazu kommen Kosten für Externe: Der Ton wird von professionellen Sprecher*innen oder Sänger*innen vorab eingesprochen. Im Grunde entsteht vor jeder Produktion des Marionettentheaters zuerst ein Hörspiel, anschließend bauen die Künstler jede einzelne Figur von Hand – manche sogar doppelt in verschiedenen Größen. Sparen lässt sich hier kaum, sagt Bachleitner, der bei der Düsseldorfer Kulturverwaltung im vergangenen Jahr 372.000 Euro beantragt hatte – 57.000 Euro mehr als im Jahr davor, als Inflationsausgleich. Gewährt wurden ihm 260.000 Euro, die auch erst ausgezahlt wurden, nachdem er einen entsprechenden Haushaltsplan eingereicht hatte. »Die Reduzierung der Förderung beruht auf einem Antrag der Ratsfraktionen CDU und Bündnis 90/Die Grünen und einem Beschluss im Kulturausschuss«, teilt die Stadt Düsseldorf mit.
»Ich empfand das ehrlich gesagt als eine Art Bestrafung oder Schikane. Der Zuschuss wurde ohnehin schon um 17,5 Prozent gekürzt, und dann haben wir mehrere Monate lang überhaupt keine Zahlungen erhalten«, sagt Bachleitner. Für die nun ab dem Spät-Herbst im Rathaus anstehenden Verhandlungen um den Doppelhaushalt 2027/28 befürchtet er das Schlimmste. »Das Problem ist, dass unsere Förderung schon vor etwa drei Jahren um zehn Prozent reduziert wurde. Gleichzeitig wurde der Zuschuss nie an die Inflation angepasst.«

Bachleitner, gebürtiger Bayer, wehrte sich, indem er seine Not öffentlich machte. In jeder Vorstellung informierte er das Publikum über die Kürzungen. Er schrieb Newsletter und Briefe an Politik und Medien, in denen er die Entscheider*innen teils hart anging. Politik und Kulturverwaltung fehlten jede Kenntnis und jedes Interesse, schrieb er, Briefe und Einladungen seien unbeantwortet geblieben, ein persönlicher Kontakt nicht mehr möglich.
»In Düsseldorf sind die Steuereinnahmen um 20 Prozent und damit drastisch zurückgegangen«, kontert Alexander Fils, Sprecher der CDU-Fraktion im Kulturausschuss, »dazu kamen zusätzliche Aufgaben von Land und Bund. Uns droht ein Rekorddefizit von 400 Mio. Euro. Das versuchen wir aufzufangen, indem wir Aufgaben reduzieren.« Aufgaben reduzieren, das bedeutet: Angebote streichen. Der Neubau der Oper in Düsseldorf? Gestrichen. Eigene Dienstwagen für die Verwaltungsspitze? Gestrichen. Auch die Kultur müsse 5 bis 10 Prozent sparen. »Private Theater müssen sich Wirtschaftsberechnungen stellen so wie alle anderen auch«, sagt Fils, »es gibt keinen Anspruch auf Förderung«.
Paten für die Puppen
Gleichwohl gibt es Institutionen der freien Szene in Düsseldorf, die mehr Geld zugesprochen bekamen – und sogar die Aufnahme in einen »Rahmenplan«, der ihnen eine Sicherheit für drei Jahre gibt. Dazu zählen das soziokulturelle Zentrum ZAKK, das Forum Freies Theater und das tanzhaus nrw. Auch für das Marionetten-Theater hatte die Stadt einen solchen Rahmenplan vorgesehen. Dafür hätte Bachleitner eine Zielvereinbarung mit der Stadt abschließen müssen – dies habe er jedoch abgelehnt, da er die Summe von 260.000 Euro als nicht dauerhaft tragfähig einschätze, so ein Sprecher der Stadt. Lieber lässt Bachleitner weiter die Puppen tanzen, um eine höhere Förderung zu erreichen.
Bachleitner »jammere auf hohem Niveau«, urteilt Kulturpolitiker Fils, das Marionetten-Theater bekomme bereits eine »ungewöhnlich hohe« Fördersumme. Schließlich hat auch die Stadt kein Interesse an einem Leerstand an dieser exponierten Adresse. »Das Haus ist wunderschön, niemand will das Theater schließen«, sagt Fils. Bachleitner könne doch auch am eigenen Gehalt sparen oder »andere Quellen anzapfen«.
Das tut dieser bereits: Seit 2004 gibt es einen Freundeskreis, der das Theater unterstützt, und es gibt die Möglichkeit, Puppen-Patenschaften zu übernehmen – 167 Puppen haben derzeit für ein Jahr einen menschlichen Paten. Neuerdings, sagt Bachleitner, habe er auch Stiftungen an der Angel, die sich eine Förderung vorstellen können. Sicher ist indes jedoch bislang nur, dass es zunehmend eng wird. Nicht nur die finanziellen Rahmenbedingungen sieht die Stadt Düsseldorf perspektivisch als Problem, »auch organisatorische Fragen, insbesondere im Zusammenhang mit der Besetzung offener Stellen und der Vorbereitung einer Leitungsnachfolge« seien von Bedeutung.
Nicht nur sein Theater, auch Bachleitner selbst ist in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden. Seine Nachfolge hat er geregelt, und er möchte seiner designierten Nachfolgerin Anna Zamolska eine gute Perspektive vererben. Vom Publikumszuspruch her gebe es die, sagt er: »Seit der Pandemie sind wir so groß wie nie zuvor«.






