Der »Freiraum« in Düsseldorf steht vor dem Aus: Seit 2019 hatte ihn Ben J. Riepe für die freie Szene in NRW betrieben. Doch 2026 wird das Erfolgsmodell nun nicht mehr vom »Tanzpakt« gefördert. Ganz aufgegeben haben der Choreograf und sein Team aber noch nicht ganz. Denn es geht um viel.
Ben J. Riepe geht es gut – eigentlich. Er hat sich zwei Jahre Produktionspause gegönnt nach zehn arbeits- und ereignisreichen Jahren, angefüllt mit 38 Projekten und einer privaten Trennung. Der Performance-Künstler und Choreograf ist mit 47 angekommen in der Mitte seiner Karriere und schmiedet Pläne. Es zieht ihn als Performer auf die Bühne zurück, am 20. März wird sein neues Solo (Arbeitstitel »Certain Songs«) im Tanzhaus NRW uraufgeführt. Ist also alles gut? Von wegen. Denn seinem »Freiraum« droht die Abwicklung.
Das erfolgreiche Modell wird nach sieben Jahren nicht mehr auf Bundesebene im Rahmen der »Tanzpakt Stadt-Land-Bund« gefördert. Dabei ist der »Freiraum« ein brummender Atelier-Komplex. Er liegt in der Nachbarschaft zum Studio der Ben J. Riepe Kompanie in Düsseldorf-Flingern. Die interdisziplinäre Künstler-Oase in einer ehemaligen Druckerei im Hinterhof bietet Anschluss an diverse Künste und Wissenschaften. Hier können Künstler*innen unkompliziert Räume nutzen, eigene Arbeiten testen und entwickeln – ein Alleinstellungsmerkmal. Riepe und sein Team haben den kreativen Hotspot in viel Eigenarbeit hergerichtet und betreiben ihn seit 2019 für die freie Szene – weit über NRW hinaus. Er ist Probebühne, künstlerisches Labor, Weiterbildungsstätte, Kommunikationszentrum, Meetingraum, Büro und Veranstaltungsort in einem.

»Ich finde das verantwortungslos«, bringt Riepe seine Enttäuschung auf den Punkt. »Ich gönne jedem die Fördermittel. Aber hier geht es um viele Menschen.« Denn betroffen seien nicht selten Künstler*innen, die vor dem Start in die Professionalität stehen. »Wer an dieser Stellschraube dreht, kappt gleich ganze Netzwerke. Das ist nicht im Sinne der Nachhaltigkeit! Die Entscheidung einer Jury zu überlassen und sich als Bund aus der Verantwortung zu ziehen, halte ich gerade in diesem schwierigen Moment für falsch.« Jetzt klingt er resigniert. Er sei der Lobbyarbeit müde. Immer schwieriger werde es, an Geldmittel zu kommen. Was ihn umtreibt, ist die »Förderlogik«: »Sie frisst uns auf. Man muss immer etwas Neues, Tolleres präsentieren. Das geht nur über Selbstausbeutung.« Dabei funktioniere der »Freiraum« doch als einzigartiges, niederschwelliges Angebot. Völlig unkapitalistisch – Scheitern ist erlaubt. Zumal die Künstler*innen bei Bedarf die Expertise der Betreiber einholen können. Ein Arbeiten mit Perspektive. Würde dieser Ort geschlossen, wäre die sechsjährige Aufbauarbeit dahin. Teure Anschaffungen wie Tanzteppiche oder Beleuchtung könne man entsorgen. Riepe: »Ein Wahnsinn.«
Marlin de Haan ist eine der rund 350 Künstler*innen pro Jahr, die den »Freiraum« in Anspruch nehmen. Die 47-Jährige arbeitet an der Schnittstelle von Darstellender und Bildender Kunst. Sie schätzt es, dass hier Künstler*innen unterschiedlicher Disziplinen ihre ersten Ideen ausprobieren, kleine Showings zeigen. Die Düsseldorferin, die an der Kunstakademie bei Rosemarie Trockel Bildhauerei studiert hat, meint: »Diese spartenübergreifende Raumnutzung ist sehr besonders. Auf diese Weise kann ich Künstler*innen außerhalb meiner eigenen Arbeitsbubble kennenlernen. Ich bin schon länger dabei. Für mich ist es toll, auf jüngere Kolleg*innen zu treffen.« Sie nutzt den Ort für Team-Meetings und Proben und freut sich über den unbürokratischen Zugang zu den Räumen: »Manchmal frage ich auch kurzfristig nach Platz. Auch dann ist das ‚Freiraum‘-Team stets bemüht, ein Lösung zu finden. In meinem Arbeitsbereich ist es selten möglich, langfristig zu planen.«
Die Idee von »Tanzpakt Stadt-Land-Bund« ist eine Anstoß-Finanzierung über eine oder zwei Runden à drei Jahre zu geben. Anschließend können Land oder Stadt dann die Förderung übernehmen – natürlich freiwillig. Denn durch den Rückzug von »Tanzpakt« fallen sie aus der Pflicht. Ben J. Riepe sagt dazu: »Derzeit wackelt die Förder-Pyramide gewaltig. Ein sehr schlechter Zeitpunkt für den Bund, um sich zurückzuziehen.« Das jährliche Budget des »Freiraums« in den Förderperioden 2019 bis 2021 und 2022 bis 2024 hatte im Schnitt 100.000 Euro betragen, davon waren die Hälfte Bundesmittel und je ein Viertel Mittel von Land und Stadt. Das Jahr 2025 war im Einvernehmen mit dem »Tanzpakt« bis Juli aus Restmitteln der vorherigen Förderung bestritten worden und im zweiten Halbjahr durch eine Interimsförderung der Stadt Düsseldorf.
Noch gibt das Team nicht auf: Riepe, der im Januar den Raum aus eigenen Mitteln weiterbetreibt, hat Anträge bei der Stadt Düsseldorf und beim Land NRW auf weitere Förderung gestellt. In März tagt der Kulturausschuss der Landeshauptstadt.
Auch gibt es Überlegungen zu einer Vermarktung. Allerdings sind die Zweifel groß, dass Mieteinnahmen oder Kursgebühren reichen würden. Und: »Das alles würde viel Verwaltungsarbeit bedeuten. Das übersteigt unsere Grenzen im Team«, so der Künstler. Würden Stadt und Land jeweils 40.000 Euro geben, wären die Unkosten gedeckt, eine Verwaltungsstelle in Teilzeit inklusive. Riepe überlegt weiter: »Würde uns nur einer unterstützen, hätten wir die Miete nicht komplett. Man müsste sich aufs Neue auf die Suche nach Sponsoren machen. Wenn niemand fördert, wäre es das Aus.«
Man versteht Riepes Erschöpfung in Sachen Lobbyarbeit. Er ist Künstler, erhält Exzellenzförderung. Ihm geht es um den Ort. Am liebsten würde er, wie er sagt, die Arme öffnen und seine Ressourcen teilen. Doch auch die sind endlich – und zweckgebunden.
20. März: »Certain Songs« von Ben J. Riepe Düsseldorfer im Tanzhaus NRW






